Sonntag, 11. Januar 2026

Else Lasker-Schüler: Ich schlafe in der Nacht -

 



Ich schlafe in der Nacht – 

Ich schlafe in der Nacht an fremden Wänden
Und wache in der Frühe auf an fremder Wand.
Ich legte mein Geschick in harten Händen
Und reihe Tränen auf,
So dunkle Perlen ich nie fand.
Ich habe einmal einen blauen Pfad gekannt
Doch weiß ich nicht mehr
Wo ich mich vor dieser Welt befand.
Und – meine Sehnsucht will nicht enden! ....
Vom Himmel her sind beide wir verwandt
Und unsere Seelen schweben übers Heilige Land
In einem Sternenkleide leuchtend um die Lenden.

Else Lasker-Schüler, aus dem Nachlass, Manuskript: The National Library of Israel, Jerusalem, Else Lasker-Schüler Archive (Arc. Ms. Var. 501 02 95).

Else Lasker-Schüler, geboren am 11. Februar 1869 in Elberfeld, gestorben am 22. 1. 1945 in Jerusalem

Samstag, 10. Januar 2026

Yvan Goll: Wie Wolfsgeheule dröhnt des Windes Klage. . .

 



Wie Wolfsgeheule dröhnt des Windes Klage
laut in die Nacht hinaus.
Der Wald rumort.
Das Sternenbild der Waage
hält über unserm Haus.
Am fahlen Himmel strahlen seine Schalen,
beide gleich hoch, gleich schwer.
Bald ist es Mitternacht! Dann wird sich zeigen,
welche sich neigen wird und welche steigen -
und ob sie voll des Glücks ist - oder leer!

Yvan Goll

Aus einem Brief von Kurt Finkenstein an Käte Westhoff, in: Briefe aus der Haft 1935 – 1943, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Dietfrid Krause-Vilmar, Mitarbeit: Susanne Schneider; 1. Auflage, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2001; vorangestellt die Bemerkung: „Um zum Schlafen zu kommen und mich abzulenken, versuchte ich heute Nacht die Verse wiederzufinden - von meinem Freund Y. Goll -, die ich Dir wohl schon früher einmal gesagt habe und die zu meinen Lieblingsgedichten gehören - plötzlich standen sie wie eine Schrift vor meinem inneren Auge“

Der Herausgeber merkte dazu an: „Diese Verse ließen sich im Werk Yvan Golls nicht nachweisen. Es könnte sich nach Auffassung von Frau Glauert-Hesse gleichwohl um ein frühes Gedicht von ihm handeln, das nicht veröffentlicht worden ist.“ (Barbara Glauert-Hesse studierte Germanistik und Amerikanistik in Mainz, Berlin und den USA. Sie arbeitete in Mainz und Frankfurt am Main als Rundfunkredakteurin und Verlagslektorin. Im Auftrag der Deutschen Schillergesellschaft katalogisierte sie gemeinsam mit Claire Goll die Werkbestände im Pariser Archiv von Yvan und Claire Goll. 1969 lernte sie, ebenfalls in Paris, auch Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange kennen, deren Werke sie für eine Ausstellung im Gutenberg-Museum zu Mainz vermittelte. Nach Claire Golls Tod 1977 setzte sie die Arbeit an den Goll-Nachlässen im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar und in Saint-Dié-des-Vosges, Frankreich, fort. Seit 1988 ediert sie die Gesamtwerke beider Autoren.)

Yvan Goll (auch Iwan oder Ivan Goll, eigentlich Isaac Lang; geboren am 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; gestorben am 27. Februar 1950 bei Paris), deutsch-französischer Dichter, er war verheiratet mit der Schriftstellerin Claire Goll (1890 – 1977)

Kurt Finkenstein wurde als Sohn eines deutschen Offiziers und einer polnischen Jüdin am 27.3.1893 in Straßburg geboren. Seine pazifistische Gesinnung und literarische Interessen führten ihn zur Mitarbeit an der Zeitschrift. "Die Aktion" (Hg. Franz Pfemfert). 1935 wurde er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff verhaftet. Mehr als 27 Monate war er in Kasseler Gefängnissen in Untersuchungshaft; im November 1937 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt. Käte Westhoff wurde nach ihrem Freispruch 1937 in das (Frauen-)KZ Moringen, von dort in das KZ Lichtenburg gebracht. In der Gefangenschaft erfuhr Finkenstein vom Tod seiner früheren Frau und seiner beiden Söhne, die als Soldaten in Russland ihr Leben ließen. Am letzten Tage der Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen und erneut nach Breitenau, später von dort nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ums Leben kam.

Das Bild ist von Jézef Pankiewicz (1866 - 1944)

Freitag, 9. Januar 2026

Anna Luise Cohn: Wunsch

 



Wunsch

Aus der Erde müsst es steigen
Wie ein Zauber rot und schön
Müsst in tausend Farben glänzen
Weiter, als der Frühling wehn

Müsste rauschen, müsste klingen
Wie die Quellen, wie das Meer
Müsste schweigen wie die Wälder
Gottesstill und träumeschwer

Müsste goldne Flügel geben
Dass die Seele freudig fliegt
Müsste feste Kerker bauen
Drin der Gram gefangen liegt

Anna Luise Cohn, aus: Die Jüdische Frau, Jahrgang 2, Heft 15/16, Berlin 1926

Anna Luise Cohn, geboren am 24. 7. 1870 in Berlin, ermordet am 13. 3. 1943 in Theresienstadt

Das Bild ist von Csontváry Kosztka Tivadar (1853 - 1919)


Mittwoch, 7. Januar 2026

Elly Groß: Frage

 



Frage

Der kleine Vogel hockt in seinem Bauer
Und sehnt sich nach den Brüdern in der Welt.
Ich fühle mich verwandt ihm zugestellt,
Mich trennt wie ihm vom Leben eine Mauer.

Da sitz´ ich oft gleich ihm in banger Trauer
Und weiß, da draußen brandet eine Welt,
Vor die die Mauer brennend sich gestellt,
In die mich´s hinzieht mit heißer Sehnsucht Schauer.

Ich hör´ den Lärm von fern gedämpft im Ohre,
Das ist des Lebens wahre Melodie!
Der Du mich fernhältst diesem großen Chore,
Ist es zu meiner eignen Harmonie?
Soll abseits von dem Strom ich in Dich münden,
Wo nehm´ ich Lieder her, um Dich zu künden?

Elly Groß, aus: Jüdische Rundschau, Nr. 53, 6. VII. 1937, darunter geschrieben: „Das vorstehende Gedicht stammt von einer blinden jüdischen Dichterin. - Red."

Elly Groß, geboren am 29. 6. 1894 in Hannover, gestorben am 18. 8. 1942 im Ghetto Riga, sie wurde kurz nach ihrer Ankunft in den umliegenden Wäldern ermordet. Sie schrieb Aufsätze, Essays, Artikel und Gedichte für verschiedene jüdische Zeitschriften in Deutschland.


Bild von Kris auf Pixabay

Dienstag, 6. Januar 2026

Lili Grün: Der Schuft

 



Der Schuft


Jede Frau, die im Leben gefällt
Und die was auf ihre Vergangenheit hält,
Hat irgendwann mal einen Schuft gehabt.
Ich spreche hier nicht so überhaupt und allgemein,
Daß jeder einzelne von ihnen ein Schwein ist — nein,
Ich meine den, der ausgerechnet damals kam,
Als man sich zum erstenmal das Leben nahm,
Als man eben aufhören wollte zu existieren,
Und gerade dabei war zu konstatieren,
Daß auf dieser Welt alles dumm und verkehrt ist
Und kein einziger Mensch etwas wert ist.
Da kam er und war einfach unwiderstehlich
Und wir mußten langsam und allmählich
Und trotz enormem Widerstreben
Wieder gerne leben!

Das dauerte so ein Jahr oder zwei
Und dann war eines Tages alles vorbei.
Eines Morgens hatte er einfach genug,
Ganz ohne Grund. Wir wurden niemals daraus klug.
Bedenken Sie doch, Frauen wie wir es sind,
Halb rührendes Weib, halb dämonisches Kind,
Mit männlichem Geist und Ehrgefühl
Und dazu noch wandelndes sex appeal,
Konnte, durfte einer verlassen! —
So einen Kerl kann man nur hassen!
Aber selbst wenn wir mit Geist und Psychologie
Dies alles verstehn,
Eins verstehn wir ja nie:
Warum in wenigen Tagen, Wochen und Stunden
Alles, was nett und lieb war, verschwunden
Und was übrig blieb, war einzig und allein
Ein ganz brutales, gemeines Schwein. —
Das haben wir uns furchtbar zu Herzen genommen
Und sind dann darüber hinweggekommen.
Sehen Sie, meine Herrschaften, das ist ein Schuft.
Und eine Frau, die bereits dreißig vorbei,
Wer, wo oder was sie auch sei,
Und die sagt, sie habe niemals nie den leisesten Anflug von einem Schuft gehabt,
Von dieser Frau behaupte ich glatt,
Egal, wie sie aussieht, lacht oder spricht:
Mit dieser Frau stimmt etwas nicht!

Lily (Lili) Grün, aus: Jugend, Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 35. Jg., H. 25 (1930)

Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

Das Foto von ihr ist aus Der Wiener Tag, 5. 4. 1933

Montag, 5. Januar 2026

Myra Frühenberg-Strauss: Die letzte Zigarette

 



Die letzte Zigarette

Der Tag ist eine schwere Pflicht-Etüde,
jedoch der Abend ist ein leichtes Fest,
Das aus dem Kerker mich entweichen lässt.
Ich streck’ mich wohlig aus. Ich bin so müde –

Was kümmert’s mich, dass es ein morgen gibt?
Aus dem Verstecke neben meinem Bette
Such ich hervor die letzte Zigarette
ich bin so glücklich: Ich bin so verliebt –

Und selig, bis der letzte Zug verglommen,
Gleit’ ich dahin in sanfter Traumesfahrt – – –
Am Morgen werd ich, kaum zu mir gekommen,
Mit mir recht böse sein. Es trift mich hart,
Das ich die Zigarette mir genommen,
Die ich mir zum Erwachen aufgespart.

Myra Frühenberg-Strauss, aus: Österreichische Spuren in Theresienstadt, Terezin Initiative Institute

Myra Fruhenberg-Strauss, geboren am 14. 7. 1900 in Wien, 1933 trat sie erstmals als Schriftstellerin in Erscheinung. Ihre kurzen Geschichten erschienen in diversen Wiener Blättern und im „Prager Tagblatt“. Außerdem tritt sie als Kabarettistin auf, auch zusammen mit ihrem Mann Leo Strauss. Ihre Hörspiele werden im Kopenhagener Rundfunk gesendet und ihre Theaterstücke mehrmals aufgeführt.1942 wird sie mit ihrem Mann ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie an den dortigen „Blockveranstaltungen“ mitwirkt. Am 12. Oktober 1944 wird sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Mann folgt ihr wenige Tage später in den Tod.

Das Bild "Dame mit Zigarette" ist von Oskar Zwintscher (1870 - 1916)

Sonntag, 4. Januar 2026

Thomas Mann: Zweimaliger Abschied

 



Zweimaliger Abschied

Der letzte Abend war’s. Wir wanderten
am Strand des Meers, das still und schwarz und schweigend
im Unbegrenztem sich verlor. Kein Stern erglänzte
vom trüben unbestimmten Grau des Himmels,
kein Stern der Hoffnung auf ein Wiedersehn…
Nur durch den feuchten Nebel sickerte
vom fernen Leuchtturm müdes rotes Licht, -
Das Abendglühen eines kurzen Tags,
an dem das Glück uns in den Armen hielt. . .
Und niemals wieder, niemals wieder. . . ?
Wir wanderten und schwiegen mit dem Meer.
Dein liebes Blondhaupt lag an meiner Schulter,
und deines feuchten Haares leiser Duft
umschmeichelte bestrickend meine Nerven…
Die Zeit verrann in seligem Vergessen,
und endlich kam er unerbittlich doch,
der Augenblick des letzten Lebewohls…
Wir standen still und sahn uns an - so an
zum letzten, letzten Mal…Kein Laut ringsum,
Ein tiefes, dunkles Schweigen um uns her.
Und deine kalte Hand fand sich mit meiner,
und Tränen tiefen Leids umschleierten
das Meeresblaugrün deiner Augen…
Und nur ein Wort ging durch die tiefe Stille,
sprachst du es aus? War ich’s? Ich weiß nicht.
Es irrte durch die feuchte Sommernacht,
ganz leise, traum- und leidverlornen Klangs…
„Nein - niemals wieder. . . “

Und dann der Morgen. - Unaufhörlich ging
ein feiner Regen nieder. In dem kleinen Bahnhof
stand schnaubend längst der Zug. - Ein Lärmen, Hasten,
ein feuchtes, schmutziggraues Durcheinander
von Koffern - Menschen - Dampf -
Ich sah auf ein Bouquet - ich trug es selbst -
Und deine Eltern sah ich - sah auch dich -
Dann ein paar Worte - welche schönen Blumen! -
Sehr schlechtes Reisewetter - in der Tat -
Dann hielt ich deine Fingerspitzen eben -
Adieu, adieu - und leben sie recht wohl -
Auf Wiedersehn. - Jawohl, auf Wiedersehn! -
Ein letztes Winken noch; dann war es aus…
Wir logen beide. -
Jedoch die schlimmste Lüge war: „Auf Wiedersehn.“
Wir wußten’s beide, was das Meer gehört
an jenem feuchten dunklen Sommerabend…
„Nie, - niemals wieder“. . .

Thomas Mann (1875 - 1955), aus: Romane und Erzählungen, Bd. 10, Erzählungen II - Lyrik – Drama. Berlin - Weimar: Aufbau-Verlag 1975, Thomas Mann hat es 1893 in seiner Schülerzeitung Frühlingssturm und in der anerkannten Leipziger Literaturzeitschrift Die Gesellschaft veröffentlicht.

Das Bild ist von Elihu Vedder (1836 - 1923)