Sonntag, 4. Januar 2026

Thomas Mann: Zweimaliger Abschied

 



Zweimaliger Abschied

Der letzte Abend war’s. Wir wanderten
am Strand des Meers, das still und schwarz und schweigend
im Unbegrenztem sich verlor. Kein Stern erglänzte
vom trüben unbestimmten Grau des Himmels,
kein Stern der Hoffnung auf ein Wiedersehn…
Nur durch den feuchten Nebel sickerte
vom fernen Leuchtturm müdes rotes Licht, -
Das Abendglühen eines kurzen Tags,
an dem das Glück uns in den Armen hielt. . .
Und niemals wieder, niemals wieder. . . ?
Wir wanderten und schwiegen mit dem Meer.
Dein liebes Blondhaupt lag an meiner Schulter,
und deines feuchten Haares leiser Duft
umschmeichelte bestrickend meine Nerven…
Die Zeit verrann in seligem Vergessen,
und endlich kam er unerbittlich doch,
der Augenblick des letzten Lebewohls…
Wir standen still und sahn uns an - so an
zum letzten, letzten Mal…Kein Laut ringsum,
Ein tiefes, dunkles Schweigen um uns her.
Und deine kalte Hand fand sich mit meiner,
und Tränen tiefen Leids umschleierten
das Meeresblaugrün deiner Augen…
Und nur ein Wort ging durch die tiefe Stille,
sprachst du es aus? War ich’s? Ich weiß nicht.
Es irrte durch die feuchte Sommernacht,
ganz leise, traum- und leidverlornen Klangs…
„Nein - niemals wieder. . . “

Und dann der Morgen. - Unaufhörlich ging
ein feiner Regen nieder. In dem kleinen Bahnhof
stand schnaubend längst der Zug. - Ein Lärmen, Hasten,
ein feuchtes, schmutziggraues Durcheinander
von Koffern - Menschen - Dampf -
Ich sah auf ein Bouquet - ich trug es selbst -
Und deine Eltern sah ich - sah auch dich -
Dann ein paar Worte - welche schönen Blumen! -
Sehr schlechtes Reisewetter - in der Tat -
Dann hielt ich deine Fingerspitzen eben -
Adieu, adieu - und leben sie recht wohl -
Auf Wiedersehn. - Jawohl, auf Wiedersehn! -
Ein letztes Winken noch; dann war es aus…
Wir logen beide. -
Jedoch die schlimmste Lüge war: „Auf Wiedersehn.“
Wir wußten’s beide, was das Meer gehört
an jenem feuchten dunklen Sommerabend…
„Nie, - niemals wieder“. . .

Thomas Mann (1875 - 1955), aus: Romane und Erzählungen, Bd. 10, Erzählungen II - Lyrik – Drama. Berlin - Weimar: Aufbau-Verlag 1975, Thomas Mann hat es 1893 in seiner Schülerzeitung Frühlingssturm und in der anerkannten Leipziger Literaturzeitschrift Die Gesellschaft veröffentlicht.

Das Bild ist von Elihu Vedder (1836 - 1923)

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