Die Kirche
Kegelkugel trifft die Königin -
Die Granate traf den Kirchturm.
Hohe Kirchentürenflügel sprangen auf
Und das glorreich bunte Bogenfenster
Brach entzwei mit einem schrillen Schrei.
Aber immer auch, du heilige Höhle,
Kühlst du uns zu Kindern, kalten Hauchs,
Auf dem Fließen hallt und lallt der Schritt,
Und das Dunkel duckt den Krieg in uns.
Dämmernde Schlucht Gottes! Schweigenstief,
Nur die stumme Orgel hat das Wort.
An den Becher, an das Messgewand
Wagte sich kein Schuft, verzagte Hand!
Dieses Gold glüht ja von Schmerzen so.
Dieser Seide Wollust schreckt den Griff.
Tod ist diesem Tand hier beigemischt!
Das gemalte Muttergottesauge
Sieht durch Brust und Schärpe dich, das Kind.
Reiter Georg, dessen Schimmel bäumt,
Zielt dem Züngeldrachen, dir, der Gier.
Zeuge ist die Ampel ohne Oel.
„Kain!“ - so flüsterts hinter dem Altar.
Der verwilderte Soldat, wie zahm,
Nur ein Bäuerlein, es kniet bekreuzt.
November 1914
Bauernstube
Ewig schwingt die Wiege,
Holzgehöhltes Tröglein.
Auf dem Ofenlager
Altvergilbte Ahnin
Zieht das Wiegenzugband
Stetig wie die Wanduhr.
Und die Katze wärmt sich
Weichgeknäult beim Ofen.
Weißes Kleid ist Sonntag!
Zöpfe, eingeflochten
In die bunte Quaste.
Blankgewichste Stiefel.
Dir Ruthenenmutter
Lehnt beim Fensterguckloch.
Eisbeblaute Scheibe,
Schneebegrabnes Bergdorf.
Aufgewacht das Kindlein,
Heiß und runde Wange.
Hält mit beiden Fäusten
Mütterliche Brust fest.
Saugt mit guter Lunge
Mütterliche Labe.
Süßer Milchdunst dämmert
In der lauen Stube.
Bauer ist verschollen
Wo im wirren Kriege.
Bäurin in der Scheune
Fügt sich den Soldaten.
Wohlig spinnt die Katze,
Wohlig gluckst das Kindlein.
Bald bewegt die Wiege
Ihre Welle wieder.
März 1915
Die Schlacht
Unbesorgt, ob die Hölle brüllt auf dem Hügel -
Ja der Mensch, der Mensch nur hat die Hölle erfunden -
Geht im Tal der Bauer, führt seinen Pflug vor.
Unbekümmert um den Triumph der Minen -
Hochauf quirlen die schwarzen Säulen Jehovas -
Läuft im Tal das Bauernkind, wo der Pflug geht.
Unbesorgt um den tanzenden Ekrasitberg -
Märtyrer schweben ohne Hände und Füße -
Gräbt der der Pflug seine Furche - der Bauer sein Kreuz schlägt.
Unbekümmert um die zerworfenen Puppen -
Droben am Berghang, buntverkleidete Leichen
Trabt im Tal die Stute, froh schreit das Fohlen.
Unbesorgt um die giftige, rotbraune Wolke -
Wo seit Nächten der Wald brennt, riesige Esse -
Kreist um das Fohlen eifersüchtig die Stute.
Rosige Wölkchen seh ich gemalt und schwarzes Gewölke,
Breit am Firmament die brandige Glorie
Und der braunen Hälse Spiel in den Gräsern
April 1915
Berthold Viertel, maschinengeschriebenes Skript, aus: Gedichte aus den Jahren 1914 / 1915, typisierte Abschriften, unterzeichnet und datiert Oktober 1915. Vermutlich für Herausgebertätigkeit Österreichischer Almanach auf das Jahr 1916, die hier vorliegenden wurden nicht aufgenommen. Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethemuseum, aus dem Werknachlass von Hugo von Hofmannsthal.
Berthold Viertel wurde am 28. Juni 1885 in Wien geboren und starb am 24. September 1953 ebendort, Schriftsteller, Dramaturg, Essayist, Übersetzer und Film- und Theaterregisseur, der in Deutschland, den USA und Großbritannien wirkte.
Unter anderem wurde er in den Jahren 1910 / 1911 Mitarbeiter bei Der Fackel von Karl Kraus. März 1910 erschien dort sein erstes Gedicht. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 war er als Schauspieler und Regisseur in Berlin tätig, musste wegen seiner jüdischen Herkunft nach Frankreich emigrieren und arbeitete abermals in England und den USA. In New York war er 1944 Mitbegründer von Wieland Herzfeldes Aurora-Verlag.
Im Jahr 1947 kehrte er nach Europa zurück, arbeitete zunächst in London bei der BBC, dann ab 1948 als Regisseur in Zürich und ab 1949 schließlich wieder in Wien.
Das Bild ist von Hans Baluschek (1870 - 1935), aus der Mappe Der Krieg 1914 - 1916, Hugo Bermüllerverlag, Berlin-Lichterfelde 1915
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