Samstag, 17. Januar 2026

Emmy Hennings: Die müde Tänzerin / Apachenlied

 



Die müde Tänzerin


Jetzt geh ich viele Gassen auf und ab.
Türmen sich Tage, türmt sich mein Grab.
Mein Grab wird hoch, mein Grab wird weit,
Umfängt mich Todeshügel der Vergänglichkeit.

Und immer träume ich im tanzen, tanz in Träumen.
Ich blüh in Räumen, und verwelk in Räumen.
Meine Augen sind ein Sehn und ein Versehn.
Meine Haare sind ein Wehn und ein Verwehn.

Meine Hände sind ein Halten und ein Fallen.
Meine Worte sind ein Schrei und ein Verhallen.
Und ach, meine Tage sind ein Versinken.
Die Frühe will schon dem Abend winken.

Meine Rosen glühn, wenn grauer Himmel schneit.
Mein junger Morgen träumt in weicher Dunkelheit.
Und hab doch soviel Zärtlichkeit verhaucht in manche Ohren.
Wo wohnt die Lust, die ich versang? So tief verloren. . .?

Wo schwebt mein Sein, mein süß Verlieben?
Wo ist mein Lieben nun, in dich hineingeliebt, geblieben?
Im Gruß liegt Abschied. Im Anfang liegt Ende.
Nur Sehnsucht leuchtet durch alle Wände. . .

Aus: Der Kranz, Gedichte von Emmy Hennings, machinengeschriebenes Manuskript aus dem Nachlass, in anderer Version veröffentlicht als „Türmen sich Tage“ in Simplicissimus, Heft 3 1925


Apachenlied

Wir essen feinbelegte Schrippen.
Die hellen Lampen brennen schon.
Ein sommerliches Feld von Mohn
Liegt süß auf Deinen edlen Lippen.

Mein Prinz, Ihr ließet einst mich glauben -
Behandlet bitte mich wie zwanzig Schneppen!
Lasst Euch um 3 Mark 50 neppen!
Und Illusion soll man nicht rauben.

O dass Du so verändert bist!
Bin eine von den Oftgeküssten.
In meinen kleinen Mädchenbrüsten
Auch all Dein Leid verborgen ist.

Ich flüchtend grauer, wehender Fetzen!
Ich gehe still und stumm nachhaus.
Ich lösche alle Lichter aus.
Und Géry soll das Messer wetzen.

Emmy Ball-Hennings, maschinengeschriebenes Skript aus dem Nachlass, Schweizerische Nationalbibliothek

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

Das Foto ist aus dem Bestand des Münchner Stadtmuseums, Münchner Stadtmuseum, Sammlung Graphik / Gemälde, Inventarnr. G-63/11105. Ehemals Sammlung Rolf von Hoerschelmann, München


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