Samstag, 24. Januar 2026

Alfred Grünewald - Aus: Renatos Gesang (10 - 12)

 



10

Ihr fragt mich heut nach meinem Siedlerleben
und drängt euch nah zu mir. Mein Angesicht
zeigt euch ein Lächeln, und ich rede nicht.
Und dennoch hab ich Antwort euch gegeben.

Mein Lächeln sagt: Seht her, in mir ist Licht. -
Ich breite meine Arme. Ohne Beben
weist meine Hand nach Wolken, die entschweben.
Ihr fühlt, was meine stumme Lippe spricht.

Geht hin, ihr Kinder. Meines Lächelns Gabe
nehmt sie mit euch, so wie sie euch gegönnt.
Und zürnet nicht, daß ich verweigert habe,

was ich doch nimmermehr gewähren könnt.
Geht hin und lernt das Schweigende beschwören.
Ihr werdet meine Stimme rufen hören.


11

Heut kann so vieles mich zutiefst beglücken
und war mir gestern kaum noch zugetan.
Ein süßes Drängen ist in meinem Wahn
und will mich stets zu neuem Lied entzücken.

Ich kann die Worte mir wie Blumen pflücken.
Was meine Blicke nur im Traume sahn,
begegnet mir auf meiner Wanderbahn.
Von Stern zu Stern bau ich mir Silberbrücken.

O daß ich endlich singe, der ich lange
in Schweigen schritt auf unerlöster Fährte!
O daß ich Abgewandter nun empfange,

was mir verweigert war, als ich begehrte!
Nun weiß ich, ein Sich-Rüsten zum Gesange
war dieses Schweigen, das mein Herz verzehrte.


12

Wer ist bei mir, der leiser ist als Hauch
und sanfter mich berührt? Ich glaub, die Dinge
erkennen ihn. Wenn er mich dicht umfinge,
vielleicht erriete ihn mein Fühlen auch.

Ich tret ans Fenster. Abend neigt sich. Rauch
wird weiße Wolke. Silbernes Gesinge
ist in der Luft. - Da mein ich, eine Schwinge
streift meine Stirne. Ist dies Geisterbrauch?

Es pocht mein Blut in ahnendem Erwarten.
Vergeßnes Wort kommt jäh mir in den Sinn.
Ich flüstere: „Du weißt es, wer ich bin.

Zeigst du dich jenen nicht, die deiner harrten?“ -
Mit heißen Blicken, die sich kühl befeuchten,
schau ich ins Gartenland. Die Blumen leuchten.

Alfred Grünewald, aus: Renatos Gesang - Ein Buch der Einsamkeit, mit Steinzeichnungen von Fritz Czuczka. Verlag Paul Stern, Wien 1921

Alfred Grünewald wurde am 17. März 1884 in Wien geboren. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er am 14. November 1938 in das KZ Dachau verbracht, im Januar 1939 wurde er wieder entlassen. Er floh über die Schweiz nach Südfrankreich, nach Kriegsausbruch wurde er in der Fort-Carré in Antibes und im Lager Les Milles interniert, bis Herbst 1942 lebte er in Nizza. Dort wurde er von der Polizei des Vichy-Regimes festgenommen und an die SS ausgeliefert. In Auschwitz wurde er am 9. September 1942 ermordet.

Das Bild ist von Sidney Herbert Sime (1865 - 1941)

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