Freitag, 2. Januar 2026

Ite Liebenthal: Nun schlafen die Gärten. . .

 



Nun schlafen die Gärten; die Teiche schlafen.
Wetter verziehen; die Winde sind stilL
Auf Wegen, wo unsere Spuren sich trafen,
liegt Schnee, der die Zeichen begraben will.

Am einsamen Fenster, von Blumen verdunkelt,
die frostiger Anhauch zum Blühen gebracht,
erwart ich den Stern, der allein mir noch funkelt
am ruhigen Himmel in schlafloser Nacht

Doch heut ziehen Nebel, und Wolken umgleiten,
gespenstige Schiffe, den frierenden Mond,
verstoßne Gestalten verlorener Zeiten,
die nun keines Lächelns Erinnerung lohnt.

Und wie von zerrissenen Segeln und Fahnen
fliehn zitternde Schatten vorüber der Welt
Doch sieh, es öffnen die ferneren Bahnen
sich leuchtend vom einzigen Lichte erhellt.

Ite Liebenthal, aus: Gedichte, Erich Lichtenstein Verlag, Jena 1921

Ite Liebenthal, Lyrikerin, geboren am 15. Januar 1886 in Berlin, am 27. November 1941 wurde sie zusammen mit anderen deutschen Juden nach Riga deportiert. Dort wurde sie unmittelbar nach ihrer Ankunft am 30. November mit allen anderen Insassen des Massentransports im Wald von Rumbula bei Riga ermordet.

Bereits 1906, mit 20 Jahren, veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband (Aus der Dämmerung). Weitere Veröffentlichungen folgten in der Zeitschrift Die Argonauten. 1921 erschien ein Band mit Gedichten im Erich Lichtenstein Verlag Jena.

Das Bild ist von František Kaván (1866 - 1944)

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