Montag, 12. Januar 2026

Marianne Dora Rein: Traumbild

 



Traumbild

Aus der verfallenen Schänke
       dringt Klirren.
Der einsame Wirt
zerschlägt Krug um Krug.

Lange entfloh der Hausschwalbe
       Schwirren.
Kein Gast mehr betrat die
verlassene Schwelle.

Nun scheint der Mond durch
       zerbröckelnde Wände
und badet sein Licht
im vergossenen Wein.

Die Kerze flackert. Und zitternde
      Hände
versuchen die Scherben
zusammenzufügen.

1940

Marianne (Dora) Rein, aus: An den Wind geschrieben, Lyrik der Freiheit 1933 – 1945, gesammelt, ausgewählt und eingeleitet von Manfred Schlösser unter Mitarbeit von Hans-Rolf Ropertz; Schriftenreihe Agora, Darmstadt 1960; mit der Anmerkung: „Das hier mitgeteilte Gedicht verdanken wir Herrn Jacob Picard, der es erstmals in „Christ und Welt“ (10. 4. 1958) veröffentlichte.

Marianne Dora Rein, geboren am 2. Januar 1911, war eine junge hoffnungsvolle jüdische Dichterin aus Würzburg. Am 27. November 1941 wurde Marianne Rein zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert. Der Transport ging über Nürnberg nach Riga. Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen. Von den im November 1941 aus Franken nach Riga Deportierten haben, soweit bekannt, zwei Personen überlebt.

Das Bild ist ein gezeichnetes Selbstportrait aus einem Brief an Jacob Picard.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen