Mittwoch, 28. Januar 2026

Kurt Finkenstein: Reue / Hoffnung

 



Reue


Mich reut der Tag, der Dir kein neues Glück gebracht,
die Nacht, die Dir nicht neue Liebe schenkte!
Mich reut, dass ich nicht klüger über Dich gewacht,
als uns das Unheil schon so nah bedrängte.
Mich reut manch rasches Wort, das einst Dich kränkte,
schnell hingeschwatzt - so mühsam wieder gut gemacht!
Mich reut der Schritt, der nicht in Deinen Arm mich lenkte,
und der Gedanke, den ich nicht für Dich gedacht.
Mich reut, dass ich den schnöden Heuchlern nicht misstraute,
doch stur des Freundes ernste Mahnung überhörte,
mich reut, dass ich die öden Schmeichler nicht durchschaute,
weil meinen Sinn ein Lügenspuk betörte!
Mich reut, dass ich Dein Glück achtlos auf Flugsand baute. -
Mich reut im Tode noch, dass ich Dein Leben so zerstörte.


Hoffnung


Wie darf ich hoffen, je Dir abzubitten
schmerzliche Scham, die Du um meine Schuld erlitten,
unbillig Leid, das Du um mein Versehn erfahren
in lebensfernen, leeren Schreckensjahren!
Hab ich denn auf dem falschen Platz gestritten?
Muss dies geschehn, weil ohne Arg inmitten
geahnter, nicht gefürchteter Gefahren
wir so verwegen blindlings glücklich waren?

Dass immer nur mein leicht erregtes Herz in Flammen,
um mitgefühltes Unglück meiner Freunde stand,
weißt Du gewiss - Du wirst es nicht verdammen!
O wär es doch, wenn ich dies Grauen einmal überwand,
dass Du verzeihend gingst mit mir zusammen
den abendlichen Wegrest Hand in Hand!

Kurt Finkenstein, aus einem Brief an Käte Westhoff vom 23. 10. 1938, in: Briefe aus der Haft 1935 - 1943, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Dietfried Krause-Vilmar, Mitarbeit Susanne Schneider, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2001

Kurt Finkenstein wurde als Sohn eines deutschen Offiziers und einer polnischen Jüdin am 27.3.1893 in Straßburg geboren. Seine pazifistische Gesinnung und literarische Interessen führten ihn zur Mitarbeit an der Zs. "Die Aktion" (Hg. Franz Pfemfert). Nach dem Krieg ließ Kurt Finkenstein sich in Kassel als anerkannter Zahntechniker nieder. Er war ein politischer Intellektueller; er hatte zuerst der USPD, dann der KPD bis 1925 angehört. Kunst, Theater, Musik und Literatur waren seine Welt. Als Kommunist, Pazifist und Jude wurde er von den Nazis verfolgt und bereits 1933 im KZ Breitenau eingesperrt. 1935 wurde Kurt Finkenstein gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff verhaftet. Mehr als 27 Monate war er in Kasseler Gefängnissen in Untersuchungshaft; im November 1937 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt. Käte Westhoff wurde nach ihrem Freispruch 1937 in das (Frauen-)KZ Moringen, von dort in das KZ Lichtenburg gebracht. In der Gefangenschaft erfuhr Kurt Finkenstein vom Tod seiner früheren Frau und seiner beiden Söhne, die als Soldaten in Russland ihr Leben ließen. Am letzten Tage der Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen und erneut nach Breitenau, später von dort nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ums Leben kam.

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