Wie Wolfsgeheule dröhnt des Windes Klage
laut in die Nacht hinaus.
Der Wald rumort.
Das Sternenbild der Waage
hält über unserm Haus.
Am fahlen Himmel strahlen seine Schalen,
beide gleich hoch, gleich schwer.
Bald ist es Mitternacht! Dann wird sich zeigen,
welche sich neigen wird und welche steigen -
und ob sie voll des Glücks ist - oder leer!
Yvan Goll
Aus einem Brief von Kurt Finkenstein an Käte Westhoff, in: Briefe aus der Haft 1935 – 1943, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Dietfrid Krause-Vilmar, Mitarbeit: Susanne Schneider; 1. Auflage, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2001; vorangestellt die Bemerkung: „Um zum Schlafen zu kommen und mich abzulenken, versuchte ich heute Nacht die Verse wiederzufinden - von meinem Freund Y. Goll -, die ich Dir wohl schon früher einmal gesagt habe und die zu meinen Lieblingsgedichten gehören - plötzlich standen sie wie eine Schrift vor meinem inneren Auge“
Der Herausgeber merkte dazu an: „Diese Verse ließen sich im Werk Yvan Golls nicht nachweisen. Es könnte sich nach Auffassung von Frau Glauert-Hesse gleichwohl um ein frühes Gedicht von ihm handeln, das nicht veröffentlicht worden ist.“ (Barbara Glauert-Hesse studierte Germanistik und Amerikanistik in Mainz, Berlin und den USA. Sie arbeitete in Mainz und Frankfurt am Main als Rundfunkredakteurin und Verlagslektorin. Im Auftrag der Deutschen Schillergesellschaft katalogisierte sie gemeinsam mit Claire Goll die Werkbestände im Pariser Archiv von Yvan und Claire Goll. 1969 lernte sie, ebenfalls in Paris, auch Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange kennen, deren Werke sie für eine Ausstellung im Gutenberg-Museum zu Mainz vermittelte. Nach Claire Golls Tod 1977 setzte sie die Arbeit an den Goll-Nachlässen im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar und in Saint-Dié-des-Vosges, Frankreich, fort. Seit 1988 ediert sie die Gesamtwerke beider Autoren.)
Yvan Goll (auch Iwan oder Ivan Goll, eigentlich Isaac Lang; geboren am 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; gestorben am 27. Februar 1950 bei Paris), deutsch-französischer Dichter, er war verheiratet mit der Schriftstellerin Claire Goll (1890 – 1977)
Kurt Finkenstein wurde als Sohn eines deutschen Offiziers und einer polnischen Jüdin am 27.3.1893 in Straßburg geboren. Seine pazifistische Gesinnung und literarische Interessen führten ihn zur Mitarbeit an der Zeitschrift. "Die Aktion" (Hg. Franz Pfemfert). 1935 wurde er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff verhaftet. Mehr als 27 Monate war er in Kasseler Gefängnissen in Untersuchungshaft; im November 1937 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt. Käte Westhoff wurde nach ihrem Freispruch 1937 in das (Frauen-)KZ Moringen, von dort in das KZ Lichtenburg gebracht. In der Gefangenschaft erfuhr Finkenstein vom Tod seiner früheren Frau und seiner beiden Söhne, die als Soldaten in Russland ihr Leben ließen. Am letzten Tage der Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen und erneut nach Breitenau, später von dort nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ums Leben kam.
Das Bild ist von Jézef Pankiewicz (1866 - 1944)
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