ICH bin nur Staubkorn - riesig ragt die Nacht.
Mein Weg treibt durch Laternen und viel Stein.
Als ich von Menschen wollt´ verlassen sein,
Hab ich es mir nicht als so groß gedacht.
Ich kann nun nichts von alledem erreichen,
Was gar nicht fern man redet und man lacht.
Nur Nacht wird lang um meine Wangen streichen,
Bis ich mich Einsamen nach Haus gebracht.
Ich werd in ein entferntes Bett mich legen
Und wissen, dass ich schied, bestimmt bedrückt
Von dem, was ich verließ, doch nicht vergaß,
Und dennoch fühlen dies als einen Segen:
Es war doch überviel, was ich besaß,
Was nun die Nacht der Stunden mir entrückt.
ICH gehe zwischen Gärten jetzt, in Straßen,
Wo Abend ward, und nichts sich sehr bewegt,
Feind dieser Menschen, die mich nicht vergaßen.
Baumlaub erduftet, Glocke klopfend schlägt.
Ich, dessen Stimme, Nähe und Gestalt
Sie früh entzünden konnte und betören,
Geh fern - es dämmert tief - verhüllt, umwallt,
Wissend: wir werden oft noch von uns hören.
Den ihr verleumdetet, der euch verstößt,
Euch nicht mehr achten darf, weiß wohl: ihm war
Einst du der Freund und du einst seine Frau.
Ein Engelsschatten steht, das Schwert entblößt,
Wache zu halten vor verbotnen Bau,
Dem nicht ein Frühling winket durch das Jahr.
NUN wandeln zwischen uns die Segelschiffe,
Die morgens aufstehn im erwachten Duft,
Wo Fisch und Pflanze zarter sind, als griffe
Bangnis und Hoffnung ein in ihre Luft.
Nun ruhen zwischen uns die Nachmittage,
Von einem End zum andern hin gespannt.
Zu ihnen flüstern wir wie eine Sage:
Uns trennte wenig und nun trennt uns Land.
Und manche Stunden sind wie Glockenschläge
Von dunklem Hasten und im Anschlag kurz,
Und unsre Herzen sehen ihre Wege
Vielleicht zum letztem in ihrem Sturz.
Ernst Blass, aus: Die Gedichte von Trennung und Licht, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1915
Am 23. Januar 1939 starb in Berlin nach schwerer Krankheit und vereinsamt der Dichter Ernst Blass, geboren am 17. Oktober 1890 in Berlin, der 25 Jahre vorher zu den bekanntesten Lyrikern des Expressionismus gehörte. Sein erster Gedichtband - „Die Straßen komme ich entlang geweht“ erschien 1912. Von einem Lyriker wünschte er sich: „. . . daß er manchmal recht ins Alltägliche hineingeklebt ist; der noch in der Erhebung weiß, daß man nicht immer erhoben ist.“
1909 lernte er im Café des Westens den Schriftsteller Kurt Hiller kennen, über dessen Neuen Club er mit Georg Heym und Jakob van Hoddis in Kontakt kam. Mit ihnen bildete er alsbald „das Terzett der bedeutenden Dichter im Club“. Anfang 1911 trat er mit Hiller und anderen aus dem Club aus und gründete mit ihm das konkurrierende Literarische Cabaret GNU. Veröffentlichungen von Gedichten in den wichtigsten Zeitschriften des literarischen Frühexpressionismus wie Die Aktion und Der Sturm oder auch Die Fackel von Karl Kraus folgten.
1926 begann sein tuberkulöses Augenleiden, das im Laufe der Jahre zu fast vollständiger Erblindung führte. Mit Beginn des Dritten Reiches wurden seine Arbeits- und Publikationsmöglichkeiten immer eingeschränkter. Schließlich verstarb er verarmt im Berliner Krankenhaus der jüdischen Gemeinde an den Folgen einer lange unerkannt gebliebenen Lungentuberkulose; sein Tod blieb selbst in Exilkreisen weitgehend unbeachtet.
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