Abendlied
Nun wehn die Gärten grauer
im unbekannten Wind,
wenn abendliche Trauer
von meinen Leuchtern rinnt.
Halbhell und wunderbarer
verwittert Schein und Glut.
Die Sinne werden klarer,
das Leben wird zur Flut:
Ich sehe die zerfallenen
Schmerzstunden drunten glühn
und oben im Kristallenen
schon eine Luft erblühn,
der nicht im trunkenen Herzen
das Blut des Schmerzes rollt,
die wie die Glut der Kerzen
im späten Abendgold:
Nur eine stille Flamme
in eine stille Pracht;
die hoch vom Silberstamme
hineinblüht in die Nacht.
Leo Greiner, aus: Vier Gedichte in Das Ziel, Halbmonatsschrift für Kunst, Kultur, Kritik, 1. Jahrgang, 10. Heft, Kronstadt, September 1919
Leo Greiner, geboren am 1. April 1876 in Brünn, gestorben am 21. August 1928, Lyriker und Übersetzer jüdischer Herkunft, bekannt wurde er unter anderem durch seine Werke über den Dichter Nikolaus Lenau.
Das Bild ist von Atkinson Grimshaw (1836 - 1893)
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