Ich möchte in diesem Blog Werke von Dichterinnen und Dichtern einstellen, welche mir bei meinen Streifzügen durch die Welt der Poesie begegnet sind, und die mir gefielen. So wird dies ein ganz persönliches Kompendium, von dem ich mir dennoch erhoffe, dass es auch anderen Menschen Freude macht. Also, viel Spaß beim Stöbern wünscht Dingefinder Jörg Krüger.
Mittwoch, 8. Januar 2020
Kurt Schwitters: Es kehrt die Zeit
Es kehrt die Zeit
Es kehrt die Zeit
Dreimal so weit.
Ich bin entzweit
Millionenweit.
Ich bin bereit:
Es kehrt die Zeit.
Die Zeit ist um,
Vorbei, vorbei.
Die Welt wird dumm,
Der Stab geht krumm,
Es fließt das Ei
Vorbei, vorbei.
Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover; gestorben am 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England; Dichter, Grafiker, Dadaist.
"Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache"
Donnerstag, 31. Oktober 2019
Ernst Stadler: An die Schönheit / Hier ist Einkehr, René Schickele über den Dichter
An die Schönheit
So sind wir deinen Wundern nachgegangen
wie Kinder· die vom Sonnenleuchten trunken·
ein Lächeln um den Mund· voll süßem Bangen
wie Kinder· die vom Sonnenleuchten trunken·
ein Lächeln um den Mund· voll süßem Bangen
und
ganz im Strudel goldnen Lichts versunken·
aus dämmergrauen Abendtoren liefen.
Fern ist im Rauch die große Stadt ertrunken·
aus dämmergrauen Abendtoren liefen.
Fern ist im Rauch die große Stadt ertrunken·
kühl
schauernd steigt die Nacht aus braunen Tiefen.
Nun legen zitternd sie die heißen Wangen
an feuchte Blätter· die von Dunkel triefen·
Nun legen zitternd sie die heißen Wangen
an feuchte Blätter· die von Dunkel triefen·
und
ihre Hände tasten voll Verlangen
auf zu dem letzten Sommertagsgefunkel·
das hinter roten Wäldern hingegangen – –
auf zu dem letzten Sommertagsgefunkel·
das hinter roten Wäldern hingegangen – –
ihr
leises Weinen schwimmt und stirbt im Dunkel.
1904
Aufbruch: Hier ist Einkehr
Hier ist Einkehr. Hier ist Stille,
den Tagen und Nächten
zu lauschen, die aufstehen und
versinken.
Hier beginnen die Hügel. Hier hebt
sich,
tiefer landwärts, Gebirge,
Kiefernwälder
und durchrauschte Täler.
Hier gießt sich Wiesengrund ins
Freie.
Bäche spiegeln gesänftigt reine
Wolken.
Hier ist Ebene, breitschultrig,
heftig blühend,
Äcker, streifenweis geordnet,
Braunschollig, grün, goldgelb von
Korn,
das in der Julisonne reift.
Tag kommt mit aufgefrischtem Himmel,
blitzend in den Halmen;
Morgen mit den harten, kühlen
Farben,
Die betäubt in einen brennendgelben
Mittag sinken –
grenzenlose Julisonne über allen
Feldern,
In alle Krumen sickernd, schwer ins
Mark versenkt,
bewegungslos,
In langen Stunden weilend, nur von
Schatten überwölbt,
die langsam weiter laufen,
Sich strecken und entzündet in das violette
Farbenspiel
des Abends wachsen,
Das nicht mehr enden will.
Schon ist es Nacht, doch trägt die
Luft
Mit Dämmerung vollgesogen
noch den lichten Schein,
Der tiefer blühend auf der
Schwingung
der gewellten Hügelränder läuft –
Schon reicht unmerklich Frühe an die
Nacht
der weißen Sterne.
Bald weht aus Büschen wieder
aufgewirbelt junges Licht.
Und viele Tag und Nächte werden in
der Bläue
auf- und niedersteigen,
Eintönig, tief gesättigt,
wunschlos in der großen
Sommerseligkeit –
Sie tragen auf den schweren
sonngebräunten Schultern Sänftigung
und Glück.
Der Lyriker Ernst Stadler, geboren am 11. August 1883 in Colmar, Elsass;
starb am 30. Oktober 1914 bei Zandvoorde
nahe Ypern in Belgien („Flandernschlacht“). Leider wurde er, bevor er eine
Gastprofessur in Toronto annehmen konnte zum Militärdienst eingezogen.
"Ist Ernst Stadler Deutscher oder ist er ein Franzose, der das Deutsch als Kultursprache schreibt, etwa wie die Belgier französisch schreiben? Seine "Präludien" sind Ausklänge, zufällig. Ein schöner und zarter Traum, den ein ursprünglicher Charakter nachträumt, um das Nachher besorgt und von neuen Geistern längst besessen. Es ist weder Verlaine, noch Régnier. Herr Stadler hat sich in ihre Landschaften verirrt und baut ihre Gärten nach eigenem Empfinden um. Es ist ein Kunststück, er beweist, daß er zu dichten versteht, auch in dieser Gegend, die ihm übrigens sehr sympathisch erscheint; in diesen flüchtigen Gebilden, vor Sonnenaufgang, schwankt ein dunkler Kern, ein ganz eigener, überlegen. Stadlers Gedichte bezeugen eine wirkliche Originalität durch scheinbares, liebevolles Eingehen auf fremde Techniken, auf Empfindungsarten anderer. Ein ahnungsweises Eingehen. Dabei finden sich keine zehn Zeilen, die rein anempfunden wären, wiewohl sie die Originalität verschleiern und manchmal auszulöschen drohen. Der dunkle Kern in der Orgie matter Farben, zärtlicher Musik, das Eigene läßt sich schwer bestimmen, nur daß es lebt, läßt sich fühlen. Kinderaugen blicken in perverse Pracht und gefahrvolle Landschaften und zucken nicht. Fromme Hände flackern unzüchtig. Nicht, als ob die Originalität lediglich ideeller Art wäre, auch die Form verwahrt ein Heiliges, Eigenes. Eine Form, die nur scheinbar den Marmor sucht; sie verflüchtigt sich vielmehr wie Wind und Welle. Wenn es vorüber ist, bleibt ein schmiegender Duft, fallen immer wieder zwei, drei Töne in Moll. In Moll, ewig in Moll: das scheint Stadlers Naturell. Kontraste und Dissonanzen fehlen. Ich glaube nicht daran, meine vielmehr, daß dies eine Wirkung der Dichtart ist, in der er sich ergeht. Wie er sie empfand, weich, verträumt, giebt er sich wieder. Unfreiheit, Schüchternheit bannten ihn in die Farben und Klänge der Dämmerungen; mir scheint, es gilt allein, das Klima zu wechseln. Man muß eben weit gehen, um seine Heimat zu finden, um den Ort, wo man zutiefst wurzelt, zu begreifen, denn man hat sich zu früh verirrt"
René Schickele aus: Das litterarische Echo.
Halbmonatsschrift für Litteraturfreunde.
Jg. 7, 1904/05, Heft 16, 15. Mai 1905,
Das Bild "Kleine Hütten im Wald" ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch.
Freitag, 18. Oktober 2019
Karl Gustav Vollmoeller: Sonett / Die alte Weise / Des morgens in einem fremden Land
Sonett
Denkst Du daran? - Wir gingen still zusammen,
Tief durch den Schnee in dämmerige Weite,
Und vor uns her auf die verschneite Heide
Warf noch die Sonne ihre letzten Flammen.
Denkst Du daran? - Wir gingen still zusammen,
Und manchmal lächeltest du wie im Traume,
Wie blauer Duft wob es am Waldessaume,
Am dunkeln Himmel lichte Wölkchen schwammen.
Die andern waren weit vorausgegangen,
Wir gingen still und sahen still uns an,
Es hatte sacht zu dunkeln angefangen,
Leis fiel der Schnee in großen weißen Flocken,
Wir gingen still und sahen still uns an.
Von ferne läuteten die Abendglocken.
Aus: Simplicissimus 1896
Die alte Weise
Die alte Weise kann ich nimmer finden.
Der Mondschein flutet silbern in den Gründen
es ist als wollt die Nacht im Duft vergehen.
In solchen Nächten kamst du sonst zu mir
Dann klangen feine Stimmen in den Winden
und leise träumend saß ich fromm bei dir
Nun ist es lang dass ich dich nicht gesehen.
Kennst du das Herz und der Gedanken Sünden
Die alte Weise kann ich nimmer finden.
Des morgens in einem fremden Land
Des morgens im Frühlichtschwanken
wenn es tastend zu dämmern begann
da kommen die verworrnen Gedanken
die mein Herz nicht bannen kann:
Ein Schuppen, alt und verfallen
wir Kinder sitzen spät noch darin
still draussen die Flocken fallen
Kennt ihr die Schneekönigin?
Und die Mädchen erzählen mit Flüstern
von der kalten Königin klingender Pracht
die die Kinder verlockt in der düstern
schneestreuenden Winternacht
und wie in des Teufels Krallen
der Zauberspiegel in Splitter zersprang
in weß Herz die Splitter fallen
der krankt daran sein Leben lang,
Mich fröstelt‘ ich schmiege mich fester
an dich (mein Herz ist bang und weh)
was bist du so kalt meine Schwester,
gingst du zu lange im Schnee?
Ich wollte ja gern mit dir wandern.
Ich suchte dich immer. Was winkt ihr mir zu
und lächelt so höhnisch ihr andern?
Mein alter Freund, da bist auch du:
wir hielten zusammen im schroffen
jähen Wechsel von Leid und Lust.
haben dich nun die Splitter getroffen
oder trag ich sie in der Brust
Und mein Vater, du mit dem blassen
verstörten Antlitz, was suchst du hier?
Vater, wo hast du die Mutter gelassen..
und was wollt ihr denn alle von mir
Schneekönigin lass mir die Seele
dein Lächeln ist Frost, Eis deine Stirn
Die Angst sitzt mir an der Kehle
Das Blut braust in meinem Hirn
des morgens im Frühlichtschimmer
da es tastend zu dämmern begann.
starr seh ich umher im Zimmer:
Etwas Fremdes schaut mich an.
Karl Gustav Vollmöller, geboren am 7. Mai 1878 in Stuttgart; gestorben am 18. Oktober 1948 in Los Angeles, der Stadt seines Exils. Er war ein Tausendsassa: Archäologe, Philologe, Lyriker, Dramatiker, Schriftsteller, Drehbuchautor, Übersetzer, Rennfahrer, Flugzeugkonstrukteur, Pionier des Stumm- und Tonfilms und Reformer des deutschen, europäischen und amerikanischen Theaters. Sein Gedichtband „Parcival – Die frühen Gärten“ verhalf ihm 1903 zu seinem Durchbruch als gefeierter Lyriker.
"Bei Vollmoeller (wird) die technische Perfektion bis zu einem Punkte gebracht, über den hinaus keine Steigerung mehr möglich ist … An Vollmoeller fasziniert, daß er den Weg seiner Epoche bis an den Rand des Abgrunds mitgeht.”
Klaus Günther Just in: Übergänge – Probleme und Gestalten der Literatur 1966
"Bei Vollmoeller (wird) die technische Perfektion bis zu einem Punkte gebracht, über den hinaus keine Steigerung mehr möglich ist … An Vollmoeller fasziniert, daß er den Weg seiner Epoche bis an den Rand des Abgrunds mitgeht.”
Klaus Günther Just in: Übergänge – Probleme und Gestalten der Literatur 1966
Sonntag, 13. Oktober 2019
Gerrit Engelke: Allheimat / Am Meerufer
Allheimat
Könnt ich mich lösen vom starren
Gebein,
Von erdegeborener Schwere:
Könnt in Lüften eine Wolke sein, -
Ein Funkeln im Sternenheere -
Könnt ich zerbrechen den drückenden
Zaum,
In Licht und in Brausen verließen:
In rollende Wogen, in stürzenden
Schaum
Die dirstende Seele ergießen -
O könnt ich in rauschendem, rasendem
Spiel,
Im Sturm sein ein seliger Reiter:
Ich weiß nicht wohin - ohne
Maß, ohne Ziel
Immer weiter, immer weiter -
-
Am Meerufer
Und Welle kommt und Welle
flieht
Und der Wind stürzt sein
Lied.
Schaumwasser spielt an
deine Schuhe
Knie nieder, Wanderer,
ruhe.
Es wälzt das Meer zur
Sonne hin,
Und aller Himmel blüht
darin.
Mit welcher Welle willst
du treiben?
Es wird nicht immer
Mittag bleiben.
E braust ein Meer zur
Ewigkeit,
In Glanz und Macht und
Schweigezeit,
Und niemand weiß wie
weit -
Und endlich kommst du
dort zur Ruh,
Lebenswandrer, Du.
Gerrit Engelke wurde
am 21. Oktober 1890 in Hanover geboren. „Gewiß ist Engelke der Dichter des
Maschinenzeitalters, doch unter dem Einfluß Whitmans erscheint bei ihm die
Arbeitswelt in idealisierter Sicht. . .
. Trotz aller Faszination teilte er freilich den unreflektierten
Fortschrittsglauben seiner Zeit nicht.“ , heißt es über ihn im Buch „Ein
deutscher Dichter bin ich einst gewesen
- Vergessene und verkannte
Autoren des 20. Jahrhunderts“ von Hans J. Schütz.
Am 13. Oktober 1918
fiel er an der Westfront, kurz nachdem er einem Freund geschrieben hatte, er
wolle über das „vom Krieg befreite, wieder menschlich-brüderlich werdende
Völkereuropa der Städte, der Arbeit, des Lebens“ schreiben.
Dass Engelke dem
städtischen Leben jedoch auch kritisch gegenüber stand zeigt sein Gedicht „Ich
will heraus aus dieser Stadt“, in dem es unter anderem heißt: „Bald hab ich diese Straßenwochen, / bald
diesen Stadtbann aufgebrochen / und ziehe hin, wo Ströme durch die Ewig-Erde pochen, / ziehe
selig in die Welt!“
Leider
lässt sich nicht sagen, wohin sich der frühverstorbene Dichter entwickelt
hätte. Doch eines lässt sich gewiss sagen: Er ist zu Unrecht dem Vergessen
anheim gefallen.
Samstag, 5. Oktober 2019
Victor Hadwiger: Bewegter Wald, Erich Mühsam: Erinnerungen an Victor Hadwiger
Bewegter Wald
Wie eine große Welle ist der Wald
Und wie das Ringen weiter Seligkeiten
Der Sturm. - -
Dann laß die Schatten meiner Seele untertauchen,
Und mich ins Herz der Erde horchen
Wenn meine Zeit kein Pendel mehr zerreißt -
Und horchen und suchen
Die Spur der Ausgangslosen.
Ein langes, langes Beten wird mein Leben,
Ein Schauen, ein Schauern wird es,
Und endlich kalt und groß
Und dunkel wie der Wald.
Was heiß und licht in meiner Seele war
Ich gabs dem Sturme
Was heiß und licht und sündig
Es rauscht, es rauscht,
Die Augen meiner Seele sehen
Den fernen Zug.
Wie eine Schaar von Wandervögeln
Wie ein beredtes Heer von tausend Drosseln
Aufsteigt aus dem Wacholderhain! -
Euch meine besten Sünden gab ich hin,
Dort - dort - und weiter, weiter -
Sie fliegen um den Mond
Den hellen Hof entlang
Vorbei, vorbei - -
Dort wohnt der liebe Gott. -
Ein langes, banges Beten war mein Leben
Ich hör das Herz der Erde pochen.
"Und gieb mir nur das Eine
Vergieb mir nichts,
Laß dort mein Angedenken weiterrauschen
Die braunen Wandervögel." -
Fühl ich es nicht, wie blaß und braun durchs Nebelmeer
Die weichen Flocken fallen, -
Und Flügelchen um Flügelchen. - - -
Das Herz der Erde pocht
Der Wald ist kalt und groß
Und stumm und schrecklich,
Wie eine schwarze Woge in den Himmel
Greift, gräbt der Wald -
Der Wald rächt mich.
Aus: Die Aktion Zeitschrift für freiheitliche Politik und Literatur
Herausgegeben von Franz Pfemfert
Nr. 21 Jahrgang 1911
Aus Erich Mühsam „Unpolitische Erinnerungen“ über Victor Hadwiger (1878 - 1911): Meiner Wirtin muß wohl die Boheme-Atmosphäre, die ich in ihre Wohnung gebracht hatte, sehr zugesagt haben. Denn eines Tages berichtete sie mir, daß der Herr, der die beiden kleineren Zimmer auf der anderen Seite des Korridors bewohne, ausziehe; es wäre ihr recht, wenn einer meiner Freunde sie nähme. Ich hatte gerade wieder einen Schlafburschen zu beherbergen. Das war der Prager Lyriker Viktor Hadwiger, der plötzlich im »Café des Westens« aufgetaucht war und mir dort eine Empfehlung, ich glaube von Hugo Salus, überbrachte. Ein großer, schwerer Mensch, dem die ungeordneten blonden Haarsträhnen und der kräftige Knebelbart ein ziemlich wildes Aussehen gaben, das, zumal in Verbindung mit seinem äußerst robusten Auftreten, die tiefe Bildschönheit seiner Verse nicht ahnen ließ. Der wurde also jetzt mein Zimmernachbar, und ich wurde der ständige Zeuge seiner Maßlosigkeiten. Hadwiger war maßlos in allem: im Trinken, Rauchen und Fluchen, im Überschwang der Glückseligkeit und im Weltschmerz. Hatte er kein Geld, um Tabak oder Schnaps zu kaufen, war er bei einer Frau abgefahren, ärgerte er sich über irgendwas, dann konnte er mörderisch schimpfen; ich habe keinen anderen Menschen getroffen, dem in der Wut eine solche Sturzflut haarsträubendster Unflätigkeiten zur Verfügung stand. War ihm aber etwas zum Guten ausgegangen, hatte er unerwartet Geld bekommen, war ihm ein Gedicht gelungen, hatte sich ein Mädchen von ihm küssen lassen, dann leuchteten seine großen, hellblauen Augen, seine Stimme wurde weich und schmeichelnd, und man spürte ein inneres Tanzen in dem mächtigen Körper des Mannes. Mehrmals weckte mich Hadwiger in der Nacht auf, kam polternd in Unterhosen in mein Zimmer herüber und wollte wissen, ob mir ein Vers gefalle oder ob ich diese oder jene Wortverbindung in einem Gedicht für zulässig halte. Oder er brachte ein eben fertig gewordenes Gedicht, erklärte es in unbändiger Begeisterung als das beste, das ihm je gelungen sei, und trug es mit Bärenstimme vor. Ich hielt so viel von Hadwigers dichterischer Begabung, daß ich ihm einen Abend im Peter-Hille-Kabarett zur Vorlesung verschaffte, bei dem ich in einleitenden Worten die Überzeugung aussprach, hier wachse das lyrische Talent der Zukunft heran. Viktor Hadwiger ist 1911 mit dreiunddreißig Jahren gestorben. Außer dem 1903 erschienenen Versband Ich bin und wenigen Novellen ist meines Wissens zu seinen Lebzeiten kein Buch von ihm gedruckt worden. Nach seinem Tode gab Dr. Anselm Ruest ein ganz kleines Bändchen ausgewählter Gedichte heraus, das unter dem Titel Wenn unter uns ein Wanderer ist bei Alfred Richard Meyer verlegt wurde. Auf dem Umschlag des Heftes, sprechend ähnlich und psychologisch glänzend erfasst, steht, von John Höxter gezeichnet, der Kopf des Dichters.
Freitag, 27. September 2019
Marie Madeleine: Ich war so wild. . . / Im Vorübergehn
Ich bin so jung, und ich bin so heiß,
und ich sehne mich nach der einen Nacht.
Ich werde kommen auf dein Geheiß,
o du! Und wie ich zu hassen weiß - - -
Nimm dich in Acht!
Ich war so wild und hab' so viel geküsst
und wusste doch nicht, was die Liebe ist.
Und seit mein Mund auf deinen Lippen lag,
bist meine Sehnsucht du bei Nacht und Tag.
Ich liebe deiner Stimme müden Ton;
mir ist, ich suchte dich so lange schon.
Mir ist, ich suchte dich mein Leben lang
wie eines Liedes halbvergess'nen Klang,
Der sehnsuchtsvoll durch meine Seele bebt,
ein Leben kündend, das ich einst gelebt.
Aus: Auf Kypros Von Marie-Madeleine, Est-Est-Verlag Berlin-Charlottenburg
Im Vorübergehn
Ich kann Dir nicht Glück noch Liebe geben,
Aber mit tödlich sicherer Hand
Schleud're ich einen Fackenbrand
Lodernd hinein in Dein stilles Leben.
Einen Fackelbrand, einen flackernden Schimmer, -
Ich kann Dir nicht Ernten noch Früchte bieten;
Nur eine Handvoll Frühlingsblüten
Werf' ich Dir lachend hinein in's Zimmer.
Ich geige Dir keinen Festgesang
Auf meiner Seele zitternder Fiedel, -
Nur ein leichsinniges Walzerliedel, - -
Und vergiß nicht, Schatz, wie süß das klang! –
Aus: Marie Madeleine - In Seligkeit und Sünde, Continent Verlag, Berlin 1905
Marie Madeleine wurde am 4. April 1881 in Eydtkuhnen, Ostpreußen, als Marie Madeleine Günther geboren; später wurde sie durch Heirat Baronin von Puttkamer, sie starb am 27. September 1944. Bekannt wurde sie durch die Sammlung erotischer Lyrik Auf Kypros (1900).
1900 bis 1932 blieb keines der Bücher von Marie Madeleine, unter einer Auflage von 10.000 Exemplaren. Wahrscheinlich trugen Verrisse dieser Art nicht unwesentlich zu dem Erfolg bei: "Die schamlose Lyrik der perversen Verse der Marie Madeleine… als wenn echte Scham nur ein leider angezüchtetes, nicht ursprüngliches Gefühl der Weibesnatur wäre, so erzählt ihre geile, wüste, überhitzte Pubertätserotik…" (Albert Soergel: Dichtung und Dichter der Zeit)
Ernst Wilhelm Lotz: Keine Sterne / Hart stoßen sich die Wände an den Straßen. . .
Keine
Sterne
Die Straße dehnt sich lang in rote Ferne.
Die Lampen glühen prall das Pflaster an.
Ich blick hinauf. Sehr dringend. Doch die Sterne
Sind lichtverwischt und zeigen sich nicht an.
Das macht mich traurig in der lauten Gassen.
Doch ich bin jung und gräme mich nicht gern.
Ich schau umher. Und finde lauter blasse,
Totmatte Augen. Keinen Augenstern.
Entmutigt lasse ich mich von dem Strome treiben
Die Hände tief in Taschen durch die Stadt.
Und weiß, ich werde heute Verse schreiben.
Verhängt wie Sterne und wie Augen matt.
Hart stoßen sich die Wände in den
Straßen ...
Hart
stoßen sich die Wände in den Straßen,
Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.
Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.
Wir
sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,
Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,
Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.
Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,
Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.
Wir
sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
In einem wild gekochten Fieberland geboren.
Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.
Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
In einem wild gekochten Fieberland geboren.
Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.
Wir
sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.
Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.
Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.
Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.
Aus:
Wolkenüberflaggt, Gedichte, in der Reihe Der jüngste Tag, Band 36, Kurt Wolff
Verlag, Leipzig 1917
Ernst Wilhelm Lotz, geboren am 6. Februar 1890 in Culm an der Weichsel,
Westpreußen; er fiel als Kriegsfreiwilliger am 26. September 1914 bei Bouconville,
Frankreich. Er war Lyriker und Übersetzer, unter anderem übersetzte er Gedichte
von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine.
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