
Lied der Stenotypistin
Wir müssen den ganzen Tag tippen.
Mit brennenden Augen und schmerzenden Rücken
Bestätigen wir Ihr Wertes vom so und sovielten,
Das wir mit bestem Dank erhielten.
Wir haben nur eine Sehnsucht: auszurasten
Von des Tages ewigen Lärmen und Hasten,
Denn unser armes Hirn ist müd und leer
Wir haben keine bessere Sehnsucht mehr.
Unsere großen, mutigen Gedanken
Sind gestorben in des Alltags Schranken,
Unserer Herzen große Zärtlichkeit
Ist gestorben in des Alltags Leid.
Auch wir würden verstehn
Kostbare Kleider zu tragen.
Auch wir würden verstehn
Zärtliche Worte zu sagen.
Doch wir erlauben uns Ihnen mitzuteilen,
Dass wir uns hiermit beeilen,
Das gewünschte Offert vorzulegen
Um mit Ihrem Vertreter nochmalige Rücksprache zu pflegen. . .
Manchmal packt uns eine Sehnsucht
Nach der großen Leidenschaft,
Doch das kommt ja nicht in Frage,
Denn wir sind: eine perfekte Kraft.
Manchmal packt uns eine Sehnsucht
Nach kindischen Freuden, dumm und toll,
Doch wir erwarten Ihr Geschätztes
Und zeichnen ergebens hochachtungsvoll. . .
Lili Grün, aus der Zeitschrift Das Leben, März 1931
Lili Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der Künstlerszene ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und am 1. Juni 1942 mit anderen Opfern, darunter die Dichterin Alma Johanna Koenig, im weißrussischen Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.
Das Foto zeigt Steotypistinnen im Jahre 1939, gefunden auf dem Blog Damals von Hanne Voltmer-Döbrich

Deutscher Sommer
Eh´ die Wolkenwelln in Sturmtalaren
Hohlen Hauchs die Berge überstiegen,
Muss der Wein im Schattenkrug versiegen
Gerten tränkend, die hineingefahren;
Kühl im Beerenbusch. Und wir gewahren
Weithinaus im Auseinanderbiegen
Wie die raunenden Arenen liegen
Glühnd und dunkel, dürstend und agraren.
Manchmal mit dem Donner der Geräte
Und die Erntewagen leise läuten
Wie in Orgelbrausen heilige Messen,
Und durch Mohn und Meilenstein die Drähte
Golden blinkend nach den Städten deuten
Der Paläste mit metallnen Tressen.
Französischer Sommer
Blattschattig träuft ein Schlummer im Karnat
Blutwilden Mohns, tiefdunkel und als Kunde
Ein Horn vom Föhn, vom Fieber und vom Pfad
Zu glühendmüden Mittelherzens Grunde.
Fanfaren Trümmer Trubel Traum und Psalter -
Erwacht im Wind, aus wolkenlosem Grün
Gaukelt ein blasser Zug Zitronenfalter
Her auf verblaßnen Abendavenün.
Paul Paquita, aus: Die schöne Rarität, Monatsschrift für expressionistische Literatur und Graphik, Januar 1918
Zu Paul Paquita, Pseudonym von August Ewald, geboren 1887, sind biografische Einzelheiten unbekannt, er schrieb 1913–1919 in expressionistischen und anderen Zeitschriften (Inselschiff, Horen).
Das Bild „Sommertheater“ (um 1918 – 1922) ist von Alma del Banco, geboren am 24. Dezember 1863 in Hamburg; gestorben am 8. März 1943 ebenda. In der Zeit des Nationalsozialismus als Jüdin verfolgt, starb sie 1943 durch Suizid, um der Deportation in ein Vernichtungslager zu entgehen.

Der Tag des Einsamen
Die bleichen Tage, die wie Mondglanz schimmern,
Sie legten über mich die bleiche Hand.
Und eine Flamme schwebt in allen Zimmern,
Verblasst allmählich still und unbekannt.
Es löst sich all die Starre in den Spiegeln,
Wie eine Schale, die man weggeschält.
Und sanfte Furcht will jedes Ding besiegeln,
Die sich der Seele wie ein Klang vermählt.
Und etwas ringt in diesem grauen Schweigen
- Ich weiß nicht was es ist, und höre kaum -:
Es ist, als schwinge sich im ganzen Raum
Ein stiller Reigen unsichtbarer Geigen.
Isaac Schreyer, aus: Die Schaubühne, Nr. 9 1912. Die Zeitschrift wurde 1905 von Siegfried Jacobsohn gegründet und 1918 in Die Weltbühne umbenannt.
Das Bild ist von Mikalojus Konstantinas Ciurlionis (1875 - 1911)
Isaac Schreyer, Lyriker und Übersetzer, geboren am 20. Oktober 1890 in Wiżnitz (Bukowina); starb am 14. Januar 1948 in New York im Exil an einer Herzattacke.
„Schmal ist sein Werk an Umfang, doch seelische Reinheit und innerer Ernst gehen ihm nicht ab. Schwermütig tönen seine Melodien, und durch den Fall der freien Strophen kann man fast die Melismen und Kadenzen von alten Ritualgesängen mitschwingen hören. Expressives und Hymnisches waltet vor. Hölderlin und Trakl heißen Schreyers Götter, doch münden ihre elegischen Stimmen immer in den gewaltigen Orgelschwall der biblischen Psalmen, so daß aus allen drei Elementen schließlich doch ein Neues, unzweifelhaft Eigenartiges entsteht.“
Ernst Waldinger über Isaac Schreyer

Wenn sich in der Frühe rings die Welt entfaltet,
klopfen meine Pulse stark und frisch und jung,
und mit frohen Augen trink ich tausendgestaltet
all die bunten Wunder meiner Wanderung.
Mein verwildertes Haar liebt der Morgenwind;
Strahlensonne segnet mein erblühtes Geschick.
Wie die weißen Wolken, die voll Schimmers sind,
Hab ich aller Himmel Glück und Geleucht im Blick.
Aber wenn mich Träume alter Zeit verwirren,
werden alle Wege fremd und feind und kahl.
Suchend nach der Heimat muss ich mich verirren
und bin ein Weinen aus dem Gebirg ins Tal.
Aus: Kreuzfahrt Gedichte - Verse von Hans Ehrenbaum-Degele, Kreuzfahrt - einem kleinen Tischlermädchen, Kugel-Verlag, Hamburg, o. J.
Hans Ehrenbaum-Degele, geboren am 24. Juli 1889 in Berlin; gestorben am 28. Juli 1915 am Narew, Lyriker und Herausgeber. 1911 erschienen seine ersten Gedichte u. a. In Der Sturm (Hrsg. Herwarth Walden) und in Die Bücherei Maiandros (Hrsg. Alfred Richard Meyer) In den Jahren 1912 und 1913 trat er in Kurt Hillers Kabarett Gnu auf. Ab 1913 gab er zudem gemeinsam mit Robert Renato Schmidt, Ludwig Meidner und Paul Zech die Zeitschrift Das neue Pathos heraus. Kurt Erich Meurer widmete ihm und Paul Zech seinen 1913 erschienenen Gedichtband Jeder Tag hißt Fahnen. Vier Tage nach seinem 26. Geburtstag „fiel“ er 1915 an der Ostfront.

Melodie
Wohl war schön die weiße Zeit,
Schlief der Wind in deinem Kleid,
War die Welt wie ein Gedicht,
Aber Frühling war es nicht.
Wohl war süß dein weißer Leib,
War meines Lebens liebste Zeit,
War meiner Nächte tiefstes Licht -
Aber Liebe war es nicht!
Wohl kam oft mir Glanz und Mai,
Ach - ist alles lang vorbei,
Ist verweht wie ein Gedicht -
Aber Leben war es nicht!
Wohl hat Leid mein Herz verstaubt,
Doch die Welt ist lang entlaubt,
Ob auch alles dir zerbricht -
Aber Tod ist´s doch noch nicht.
Aus Simplicissimus, Heft 15 1930
Auf dem Wasser
Die Rosen blühn und goldne Sänger wiegen
Sich lieb verträumt im Laub, süß grünt das Gras.
Am blauen Ufer weiße Reiher fliegen,
Fast wär das Leben wie ein Sommerglas.
Ein milder Hauch weht durch die klaren Sterne,
Und alle Menschen sind einander gut;
Beim Abendschein blühn Flöten, aus der Ferne
Ein Kahn zieht heim. . . und manches Unglück ruht.
Aus Simplicissimus, Heft 16 1926
August
Die kleinen bunten Bauerngärten strahlen,
ein altes Schloss grüßt hinterm dunklen Wald.
Drei Raben leuchten in der letzten Sonne -
auf Erden ist für uns kein Aufenthalt.
Ein kleiner Hund scherzt. Eine Zither tändelt;
süß duftet Heu. Die Abendglocken wehn
ein banges Kinderhoffen dir ums Antlitz:
vor einem alten Berghaus bleibst du stehn.
Ich möcht die Stirn ans Kirchengitter lehnen.
Ein Kind schreit, und du denkst: Ach wär´s doch mein´s.
Im Wirtshaus lustig junge Bauern schäkern.
O wär´ ihr lächelnd Kinderleben mein´s.
Gebirge blau´n wie dunkle Traumkulissen.
Ein Liebespaar ruht aus im hohen Gras.
Des Lebens Mittag hat mich lang verlassen - - -
und alles brach wie Lust und Glück und Glas. . .
Bei armer Kneipe blauen Zauberlichtern
denk´ ich an dich. Der erste Vogel singt.
Des Lebens Abend dämmert letztes Scheiden. . .
Vielleicht, dass dieser Tag ein Lied mir bringt.
Aus Simplicissimus, Heft 22 1927
Erinnerung
In meiner Heimat ist alles viel schöner -
der Frühling, die Mädchen und alles Leid.
In meiner Heimat blühn nun die Astern,
da rauschen die Brunnen von alter Zeit.
Da plaudern die Mägde fröhlich vorm Haustor,
da fährt man die Pferde zur Tränke, und leis
singen die Fuhrleut die uralten Lieder
von Alpenrosen und Edelweiß.
Wird Manche sich wohl auch mal meiner erinnern,
die Mutter betet für mich, oh sie meint,
dass ich dann glücklich, gescheiter und braver
und all meine Wege mit Sonne bescheint.
Die alte Frau - ach, was weiß sie vom Leben!
Der Vater spielt Billard im kleinen Café,
die Schwester strickt Strümpfe für ihren Jungen,
Verliebte zerpflücken viel Mohn und viel Klee.
Ich denk an all die verlorenen Jahre,
mein Glück, meine Jugend . . . ach alles ist Nacht.
Was hab ich mit den viel schönen Blumen -
Was hab ich mit meinem Leben gemacht!
Ihr kleinen Sterne. . . o grüßt mir die Heimat!
Ob ich noch einmal die Donau seh!
Für was hat die alten Frau denn gebetet,
und für wen blüht der rote Mohn und der weiße Klee.
Aus Simplicissimus Heft 22 1932
Merkspruch
Was sollen wir die kurze Frist
Das Leben uns verbittern,
Weiß keiner doch, was morgen ist,
Wird uns ein Unglück umgittern.
Lach die Welt und das Schicksal aus,
Bleibt dir kein Freund und kein Pfennig,
Der Blitz schlägt ein ins schönste Haus,
Kein Weib, kein Glück ist beständig.
Pfeif dir ein Lied und vergiss, o vergiss
Rosen und Schmetterlinge.
Wenn der Schwindel vorüber ist,
Kommen die himmlischen Dinge.
Aus Simplicissimus, Heft 40 1930
Trost
Ehrliche Fäuste liebt Gott oft mehr
als betende Hände, die lügen so sehr,
die lügen Demut und kindliches Tun
und sind voll Ehrgeiz und wollen Ruhm.
Gott ist kein Richter, kein Wurm und kein Hund,
wird ihm die trotzige Faust oft zum Mund,
wird ihm die Faust oft zur Träne, die fleht
mehr als der Frömmler winselnd Gebet.
Öffnet er leis oft die Faust und die Pein
legt einen goldenen Stern dann hinein.
Aus Simplicissimus, Heft 46 1932
Jakob Haringer (1889 - 1948)
René Schwachhofer schrieb 1947 in der verdienstvollen Auswahl vergessener, von den Faschisten verfemter Lyriker "Vom Schweigen befreit":
„Haringer hat einige der schönsten deutschen Gedichte geschrieben; sie könnten im Volksmund umgehen. Einst wird man fragen: Wer war ihr Verfasser?“
Der Simplicissimus war eine satirische Wochenzeitschrift, die von 1896 bis 1944 erschien.
Das Portrait des Dichters im Alter von 22 Jahren ist ein Holzschnitt von Emil Betzler (1892 - 1974)
Wandle ich einsam über die Heide,
Wenn der Wind vom Meere herüberstreicht
Rings um mich her ein totes Schweigen,
Kein Leben, soweit das Auge reicht.
Da erwachen in mir der Kindheit Tage,
Ich gedenke der düstern freudlosen Zeit,
Aufs Neue erwacht im Herzen die Klage,
Des einsamen Kindes einsames Leid.
Das ungestillte Sehnen nach Liebe,
Es regt sich wieder so weh und bang.
Weitere und weiter mit müden Schritten
Geh ich die einsame Heide entlang.
Jugendgedicht von Franziska zu Reventlow, aus: Kerstin Decker - Franziska zu Reventlos, eine Biografie, Berlin Verlag, 2018
Fanny (Franziska) Gräfin zu Reventlow (* 18. Mai 1871 in Husum; † 26. Juli 1918 in Locarno, Schweiz) Schriftstellerin, Übersetzerin und Malerin. Sie wurde berühmt als „Skandalgräfin“ oder „Schwabinger Gräfin“ der Münchner Bohème und als Autorin des Schlüsselromans Herrn Dames Aufzeichnungen (1913).
Ihre Erfahrungen mit der Münchner Künstlerszene – vor allem mit dem „Kosmiker“-Kreis um Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und Alfred Schuler, denen sie ihres unehelichen Kindes und ihrer erotischen Freizügigkeit wegen als „heidnische Madonna“ und „Wiedergeburt der antiken Hetäre“ galt – verarbeitete sie in ihrem humoristischen Schlüsselroman Herrn Dames Aufzeichnungen. Sie pflegte außerdem Umgang mit Oscar A. H. Schmitz, Theodor Lessing, Friedrich Huch, Erich Mühsam, Oskar Panizza, Rainer Maria Rilke, Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky (dessen Malschule sie 1906 besuchte), Frank Wedekind und zahlreichen anderen Exponenten der „Münchner Moderne“.
Am 26. Juli 1918 starb Fanny zu Reventlow im Alter von siebenundvierzig Jahren in einer Klinik in Locarno an den Folgen eines Fahrradsturzes.
Das Bild ist von Marianne von Werefkin (1860 - 1938)

Wie ein Wald, der sich ins Dämmern webt,
war ich zwischen Tag und Traum gefangen
und vom Silbernebel matt belebt.
Immer aber trieb mich ein Verlangen
und ein Durst nach Licht und Kostbarkeit.
Auf der Straße Sehnsucht bin ich weit
von Gespiel und Heimat fortgegangen.
Bannte mich ein Wunder in die Welt:
Sonne küsste alle meine Stunden,
Rosen wurden alle meine Wunden
und dem Flüsterspiel des Winds gesellt.
Will sich Abend auf die Weite senken,
wird mein Herz ein süßes Blütenfeld,
allen Sternen Träumerei zu schenken.
* * *
Du bist mein Lied. Ich wehe,
Flüsterwind im Wald.
Wohin ich immer gehe,
ich fühle deine Nähe
und bin ein Stammeln, durch die Welt gelallt.
Ich kann es nicht aussagen,
wie du bist.
Mein rosenrotes Zagen
wird selig hingetragen
zu einem Meer, in dessen Schoß,
gebenedeit und grenzenlos,
mein Leben sich vergisst.
Aus: Kreuzfahrt Gedichte, Verse von Hans Ehrenbaum-Degele, Kreuzfahrt - einem kleinen Tischlermädchen, Kugel-Verlag, Hamburg, o. J.
Hans Ehrenbaum-Degele, geboren am 24. Juli 1889 in Berlin; gestorben am 28. Juli 1915 am Narew, Lyriker und Herausgeber. 1911 erschienen seine ersten Gedichte u. a. In Der Sturm (Hrsg. Herwarth Walden) und in Die Bücherei Maiandros (Hrsg. Alfred Richard Meyer) In den Jahren 1912 und 1913 trat er in Kurt Hillers Kabarett Gnu auf. Ab 1913 gab er zudem gemeinsam mit Robert Renato Schmidt, Ludwig Meidner und Paul Zech die Zeitschrift Das neue Pathos heraus. Kurt Erich Meurer widmete ihm und Paul Zech seinen 1913 erschienenen Gedichtband Jeder Tag hißt Fahnen. Vier Tage nach seinem 26. Geburtstag „fiel“ er 1915 an der Ostfront.
Das Bild ist von Edward Reginald Frampton (1870 - 1923)