Mittwoch, 28. Oktober 2026

Drei Gedichte von Thekla Mervin

 



Zwiegespräch

O Suchender, Du fragst zu viel,
Ich kann nicht Lose werfen, nicht Geschicke lenken,
Denn alle sind wir nur der dunklen Mächte Spiel.

Mein Herz, was nützt dem Sterblichen das Denken
Und bange Grübeln? - Sei ein Tor, ein Kind,
Nimm hin, was dir die Götter gnädig schenken.

Schon winkt uns Charon, weht ein kalter Wind,
Wir fallen ab wie Blätter von den Zweigen,
Wie arm sind Zeiten, die gewesen sind!

O Menschendasein, gleich und dennoch eigen,
Wie voll das Herz, wie leer ist der Verstand!
Wir heischen ewig Antwort - ewig ist die Antwort Schweigen.

Und ging ich noch einmal durch dieser Erde schönes Land,
Ich wär ein gleicher Tor und wie ein Tor besessen,
Von aller Leidenschaft und allem Unverstand.

Denn Leben, liebstes Herz, heißt suchen, lernen und vergessen.


Aus: Prager Tageblatt vom 20. 1. 1924


November

Staub und Blätter fegt der kalte Wind
Und sie sterben, uns´re süßen Tage - -
Alte Weisheit ist´s und alte Klage,
Dass wir Blättern gleich vergänglich sind.

Wie der Sturm, der durch die Bäume weht,
Brausend fliehen hin die hellen Stunden;
Wäre nur die Sehnsucht mitentschwunden
Doch sie bleibt und uns´re Jugend geht.

Also gleitet der besonnte Nachen
Immer rascher dunklen Landen zu,
Klage nicht, geliebtes Leben du,
Lass´ uns fröhlich enden, sterbend lachen!

Wie dies Glas, das trunken wir geleert,
Lass´ uns irgendwo und -wann zerschellen,
Wenn wir treiben auf des Lebens Wellen
Heiß und jauchzend, stolz und unbekehrt.


Aus: Prager Tageblatt vom 21. 10. 1923



Dann kommt ein Tag. . .


. . . Dann kommt ein Tag, an dem es kein Erwachen gibt,
Und wo du austrittst aus dem wunderlichen Reigen
Der Welt, die du gehasst und ach! geliebt.

Mag Liebe flehend sich zu deinem Lager neigen,
Die kalten Hände ruhen still im Schoß,
Die bleichen Lippen schweigen, schweigen, schweigen.

Nun bist du ferner als der Stern, der groß
Und einsam steht am nächtigen Horizonte
Und teilst doch nur das allgemeine Los.

Auge, dass sich im andern sonnte,
Was sahst du noch mit deinem starren Blick,
Das dein zerquälter Mund nicht sagen konnte?

Sahst du der ersten Jugend helles Glück?
Gingst du zurück auf allen irren Wegen?
Wahrheit gibt nur der letzte Augenblick.

Was ist dir Leiden nun, was ist dir Segen?
Wo ist der Weg, denn jetzt dein Wille geht,
Wenn sie dich in den Schoß der Erde legen?

Rasch ist die Zeit, rasch ist der Tag verweht,
Wer gibt uns Antwort auf die dunklen Fragen?
Schon ist es Abend - sieh´ es ist zu spät.

Wohl kann ich Freude noch und Schmerzen tragen,
Bin noch ein Mensch, der kämpft und hasst und liebt,
Kann weinen, jauchzen, glücklich sein und klagen.

. . . Doch kommt ein Tag, an dem es kein Erwachen gibt.

Aus: Prager Tageblatt vom 4. 11. 1923


Thekla Merwin, österreichische Schriftstellerin, wurde am 25. April 1887 in Riga geboren.

1911 erschienen Merwins erste Publikationen, anfangs noch gezeichnet mit Thekla Merwin-Blech. Sie veröffentlichte Gedichte, Feuilletons, kurze Prosawerke und Dialoge in dutzenden Zeitschriften und Zeitungen, eine selbstständige Publikation kam jedoch nicht heraus. 1933 wurde sie Mitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Thekla und ihre Tochter Magda Merwin wurden am 24. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Mit dem Transport vom 19. Oktober 1944 wurden Mutter und Tochter ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht und am 20. Oktober 1944 in der Gaskammer des Krematoriums III ermordet.


Das Bild mit dem Titel Herbststurm (1912) ist von Leo Putz, geboren am 18. Juni 1869 in Meran, gestorben am 21. Juli 1840 dortselbst. 1935 lebte er in München, wurde 1936 mehrmals von der Geheimen Staatspolizei verhört und musste schließlich nach Südtirol (Italien) fliehen. 1937 wurden in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ aus den Staatlichen Kunstsammlungen Kassel sein Aquarell Zwei Akte und die Druckgrafiken Liegender Frauenakt und Zwei Akte beschlagnahmt und vernichtet.

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