Sehnsucht
Wenn schwarz die Schatten schweben über einsame Wände
fühlst du Schmerz vielleicht und zerfließende Wehmut.
Das Lächeln grinst so grell und flüstert (glaubst du es?)
von roten Blättern, die der Nebel streichelt.
Weiß meinst bisweilen du ein sanftes Kleid zu sehen,
verlangend breiten deine Hände sich aus nach fernem Traum
als sei er Wahrheit.
Sehr kalt jedoch und unnahbar durchaus
beschreitet lautlos unbekannter Götterzug
die ferne graue Asphodelenwiese.
Münsingen, Dez. 1918
Passion
Niemals klagt der Brunnen:
denn Er musste leiden.
Niemals singt der Mond:
denn Er musste weinen.
Und die Taube girrte nicht leise,
weil Er bluten musste.
Und doch rief Er den Vater an,
sah nicht die Mutter zu seinen Füßen.
Das Kleid aber, früher so weiß,
haben schmierige Hände geschwärzt.
Nie werden die Tränen der Heiligen genügen
es zu bleichen.
Er hat die Liebe ins Grab genommen und versteckt.
Wann wird sie auferstehn?
Lange suchte ich sie in schreienden Kirchen,
doch nur ein grauer Hund hat meine Hand geleckt.
Schwarzer Himmel will stürzend mich verschütten,
Scherben werden meine gefalteten Hände verwunden.
Ich möchte den Mond singen hören.
Genf März 1918
Paradies
Das Paradies ist seidenschwarze Nacht
und stumme Stille ohne Stern.
Das Uhrensummen rastet fern,
ein gelber Ball die Leere.
Sehr einfach spielt der Fluss auf sanfter Flöte,
Dunstschleier fallen auf den lauen Sumpf.
Orangensaft kühlt deine Lippen.
Flackernde Kerzen stören selbst den Hund,
der grau und zottig auf lautloses Fell weint.
Und durch die große Stummheit raunen
die Katzen, schwarz, die schweigend weiche Schwänze schwingen.
Genf März 1918
Aus einem Typoskript aus dem Nachlass, Ascona 1920, Schweizer Nationalbibliothek
Friedrich Glauser, geboren am 4. 2. 1896 in Wien, gestorben am 8. 12. 1938 in Nervi bei Genua. Sein Leben war geprägt von Drogenabhängigkeit und Internierungen in psychiatrischen Anstalten. Trotzdem erlangte er mit seinen Erzählungen und Feuilletons, vor allem jedoch mit seinen fünf Wachtmeister-Studer-Romanen, literarischen Ruhm.
1917 debütierte Glauser als Dichter, als er 21-jährig zusammen mit Hugo Ball und Tristan Tzara bei den legendären Dada-Soiréen im Cabaret Voltaire auftrat.
Emmi Hennings über den Dichter: «Ich lernte ihn […] in der ‹Galerie Dada›, im Sprünglihaus an der Bahnhofstrasse kennen. Dort saß ich grad mal an der Kasse, als Glauser kam, der sich die Sturmausstellung ansehen wollte. [….] Und dann sah er sich die Sturmbilder an, und fand allmählich Gefallen, öfter zu kommen. […] Glauser hat dann auch mehrmals in der Galerie gelesen, eigene Sachen und Nachdichtungen.»
«Es ist mir, auch wenn es mir ganz schlecht gegangen ist, immer gewesen, als hätte ich etwas zu sagen, etwas, was außer mir keiner imstande wäre, auf diese Art zu sagen.» (Friedrich Glauser)
Die Illustration ist von Paul Goesch, (ohne Titel, 1928), geboren am 30. August 1885 in Schwerin; gestorben am 22. August 1940 in der NS-Tötungsanstalt Brandenburg, Architekt und Maler.

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