Dienstag, 30. Dezember 2025

Emmy Hennings: Zum neuen Jahr

 



Zum neuen Jahr

Es neigt sich das Jahr. Ein neues beginnt.
Wir wissen nichts von der Zeit.
Was ist ein Tag, der bald verrinnt?
Schon morgen versunken in Ewigkeit.

Wo sind die Jahre seit Adams Zeiten?
In welchem Schoße ausgespart?
Und jene Tage der Seligkeiten,
Wer hat den Augenblick bewahrt?

Wer hält dir diese letzte Stunde?
Wer gibt ihr Kostbarkeit und Sinn?
Sie kam geweht von Gottes Munde.
Zu Ihm drängt sie sich wieder hin.

Hörst du vom Turm die Glocken hallen?
Sie läuten ein das junge Jahr.
Mein Herz, lass alle Sorgen fallen.
Gott bleibt getreu und wunderbar. . .

Aus: Der Kranz, Gedichte von Emmy Hennings, machinengeschriebenes Manuskript aus dem Nachlass, undatiert, Schweizerische Nationalbibliothek

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Das Bild „Tanz der Stunden“ ist von Gaelano Previati (1852 - 1920)

Freitag, 26. Dezember 2025

Max Herrmann-Neiße: Breslauer Winterkälte

 


Breslauer Winterkälte

Nachts kriecht die Kälte aus dem Odereise
und färbt den Mann der Würstchenbude blau.
Um den Matthiasplatz in irrem Kreise
trabt wahngetrieben eine Zeitungsfrau.
Im Torweg Liebespaare stumm erstarrten
zu gotisch keuschen Statuen von Stein.
Den Grogerhitzten, die sich gröhlend narrten,
gefrieren ihre heisren Stimmen ein.
Das Droschkenpferd und hinter ihm der Wagen,
sie schleppen sich als Gelähmte fort.
Und ein Student mit hochgeschlagnem Kragen
verlor die Würde und das Ehrenwort
und sehnt sich nur noch nach der warmen Klause.
So leer wie jetzt war nie der Straßenschacht.
Verdächtge lauern heut an keinem Hause,
auch Tiere bargen sich vor dieser Nacht.
Ins Nichts des Himmels treibt bedrohlich düster
durchs Wolkeneis ein Totenschiff: der Dom.
Und fluchend mit den Schollen wirft als wüster,
heilloser Trunkenbold der Oderstrom.

Max Hermann-Neiße, aus: Um uns die Stadt, Eine Anthologie neuer Großstadtdichtung, Herausgeber Robert Seitz, Heinz Zucker, Sieben-Stäbe-Verlag, Berlin 1931

Max Herrmann-Neiße, geboren am 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; gestorben am 8. April 1941 in London, Deutscher Dichter, von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, in dem er 1941, wurzellos, starb.

Das Foto zeigt eine Postkarte aus Breslau in den 30er Jah
ren.

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Emmy Hennings: Marienlied

 



Marienlied


Einmal löste ein Stern sich los.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.
Lag wie Licht in meinem Schoß.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.

War meine Hoffnung, war mein Glaube.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.
War meiner Sehnsucht schwebende Taube.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.

War meine Freude um Mitternacht.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.
Hat so hold mich angelacht.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.

Träumten wohl in weiter Ferne -
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.
Nur vom Frieden alle Sterne.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.

Und die Sterne freuten sich -
Schlafe, mein Kindlein, schlaf -
Über sich und über mich.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.

Ach, es träumt mein göttlich Kind. -
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.
Dass Menschen einander Brüder sind.
Schlafe, mein Kindlein, schlaf.

Emmy Ball-Hennings, maschinengeschriebenes Skript aus dem Nachlass, undatiert, Schweizerische Nationalbibliothek

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Das Bild ist von Carlo Maratta (1625 - 1713), Kunsthistorisches Museum, Wien

Dienstag, 23. Dezember 2025

Lessie Sachs: Heilige Nacht

 


Heilige Nacht

Eis und Kälte kommen wieder,
Und die matte Sonne malt
Blaue Schatten in den Schnee,
Der im zarten Glanz erstrahlt;
Früh senkt sich die Nacht hernieder.

Vieles müssen wir ertragen. -
In den Wäldern weht ein Wind ...
Still rührt uns ein Zauber an,
Von Maria mit dem Kind,
Wie ein Klang aus fernen Tagen.

Vieles haben wir verloren.
Sei nur still; ein Hauch, ein Traum,
Steigt empor und fängt Dein Herz.
Sanft erklingt ein Wort im Raum:
Diese Nacht ist auserkoren.

Vieles müssen wir entbehren.
In den Wäldern braust ein Sturm ...
Heilig ist die Nacht. - Sei still. -
Denn nun läuten hoch vom Turm
Alle Glocken, Gott zu Ehren.

Aus: Lessie Sachs Collection 2 Leo Baeck Institute New York

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin. Ihre Gedichte und Prosatexte erschienen in Zeitschriften wie dem Simplizissimus, Uhu und der Vossischen Zeitung, als auch in Anthologien. 1933 heiratete sie den 12 Jahre jüngeren Breslauer Pianisten Josef Wagner. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten konnte Josef Wagner seinen Beruf nicht mehr ausüben; Gedichte von Lessie Sachs durften nicht mehr erscheinen. 1937 verließen beide Deutschland und emigrierten in die USA.

Über die wenigen Jahre bis zu ihrem frühen Tod 1942 gibt es kaum biographische Hinweise. In den USA schrieb Lessie Sachs für die deutschsprachige jüdische Wochenzeitung Aufbau. Sie starb Anfang 1942 nach langjähriger Krankheit.

Das Leo Baeck Institut (LBI) ist eine unabhängige Forschungs- und Dokumentationseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums mit drei Teilinstituten in Jerusalem, London und New York City mit Zweigstelle in Berlin. Es wurde 1955 von Hannah Arendt, Martin Buber, Siegfried Moses, Gershom Sholem, Ernst Simon und Robert Weltsch gegründet und setzt sich zum Ziel, deutsch-jüdische Geschichte und Kultur wissenschaftlich zu erforschen und ihr Erbe zu bewahren.

Das Bild „Heilige Nacht“ ist von Paul Gaugin (1848 - 1903)

Montag, 22. Dezember 2025

Gertrud Kantorowicz, Weihnachten 1944

 



                                                                                    Weihnachten 1944


Narrentänze -
Doch wenn dunkle Tannenkränze
Gaben die die Not ersonnen
Lichtlein noch vom ewigen Bronnen
Großen Lichts Symbol und Spende
Und des Ofens Feuerbrände
Glühen weil die Laune günstig
So ersehnt - erfleht inbrünstig -
Wenn verwandtes ernstes Fühlen
Nach den Liebsten nach den Fernen
Fremde eint wie unter Sternen -
Wenn all dies uns trägt und presst
Wird die Weihnacht doch zum Fest.
Und ob auch die Tränen fließen
Lasst die Stunde uns genießen.

Gertrud Kantorowicz, aus: Verse aus Theresienstadt

Gertrud Kantorowicz wurde in Poznan (Posen) geboren. Sie war Kunsthistorikerin und Übersetzerin. Einst gehörte sie zum Kreis um den Dichter Stefan George. Sie wurde am 6. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 19./20.April 1945, also wenige Tage vor der Befreiung, starb. Ihre im Ghetto geschriebenen Gedichte erschienen 1948 unter dem Titel Verse aus Theresienstadt. Das Schlusswort zu diesem Heft lautete:

„Fetzen armseligen Papiers - der verrissene Briefbogen eines
Meraner Gasthofes, die Rückseite einer Ansichtskarte vom Hohen
Neuffen, eine unbenutzte Rückantwortkarte - bilden die Urschrift
vorliegender Gedichte, meist mit Bleistift gekritzelt, vielfach
durchstrichen und verbessert, oft verlöscht und schwer lesbar.
. . . Die hier gedruckten Verse, von einem unwiederherstellbaren
Gedicht abgesehen, sind alles von Gertrud Kantorowicz handschriftlich
Erhaltene der Zeit in Theresienstadt: 6. August 1942 - 19. April 1945“

Das Bild ist von Zdenka Eismannová (1897 - 1943), Aquarell, entstanden im Lager Theresienstadt, wo die Malerin auch umkam.

Sonntag, 21. Dezember 2025

Charlotte Wohlmuth: Zwei Weihnachtsgedichte

 


Zwei Weihnachtsgedichte

Die Namenlosen

                                                    (Denn unsrer sind Legion)

Getrieben und festgelegt!
Erkannt und gerichtet!
Zu Bergen geschichtet
Und wieder hinweggefegt.
Gehetzt in das Gleiche,
In Reue zerrissen,
Schleift das Gewissen
Zum Himmelreiche!
Träumt dort die Namen
Aus Kinderspielen;
Schließt Euch mit Vielen
In lieblichen Rahmen!
Einmal wird alles wahr!!
Erde entschwindet,
Wenn neu entzündet
Sich Christus gebar!
In Euch wird er wohnen!!
(Ihr habt keine Namen).
Aus heiligem Samen
Entstehen Legionen!


Ekstase

Denn alle Wege münden nur in eine Stunde!!
Einmal muss sie sich offenbaren!
In jede gebenedeite Sekunde
Wächst sie aus blutenden Jahren
Brüder, zum letzten Bunde!
Brüder, aus Dornen erblühen dann Rosen,
(Mit Kränzen geschmückt kniet ihr an Ältären.)
Für wunde Knie werden Steine zu Moosen,
Und Leuchten entbricht aus allen Schwären
Bis zu den dunkelsten Hoffnungslosen.
Und Brüder, der am Holze geendigt,
Und sich im Geiste wieder begonnen,
In lautester Liebe gebändigt
Sieht er um heilige Bronnen
Die letzten Feinde verständigt.
Denn alle Wege münden nur in eine Stunde!
Einmal muss sie sich offenbaren!
In jede gebenedeite Sekunde
Wächst sie aus blutenden Jahren
Brüder, zum letzten Bunde!!

Charlotte Wohlmuth, aus: Die Aktion, 7. Jahrgang, 15. Dez. 1917, Illustration dazu aus der Zeitschrift: Lucas Cranach d. Ä. Heilige Familie mit Engeltanz.

Charlotte Wohlmuth, eigentlicher Name Stefanie Oesterreicher. Lebte in Berlin. Veröffentlichte 1917/18 vier Gedichte in der Aktion. (geboren 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet)


Kurt Finkenstein: Vier Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke

 



Vier Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke:


1) Mein Spielzeug

Ich weiß, wenn ich heut wieder ein paar schwache Reime wage,
Du freust Dich ja darüber und denkst ganz gewiß nicht nur,
dass ich aus Eitelkeit ein Pfauenrad hier schlage,
um so zu prahlen in gespreizter Positur!
Nach manchen meiner unerträglich leeren Tage
weisen die Verse ja zurück als matte Spur,
die ich für Dich hier suchend so zusammentrage,
wie ich als Kind Kastanien spielend zog auf eine Schnur. -

So fügt´ mein Geist, der immer sehnend Deiner dachte,
in schlafverlassenen Nächten sorgsam Wort an Wort;
während in untertags stumpf mein Galeerenwerk vollbrachte,
setzte er das begonnene Reimspiel träumend fort - - -

Und denkt wie einst: Wenn er im Herbst Dir eine Freude machte,
schadest´s ja nicht, dass der Kastanienkranz im Herbst verdorrt!


2) Mein Talisman!

Einen Pfennig, den ich einmal auf der Gosse fand,
wo ein Zufall ihn mir vor die Füße rollte,
habe ich erst hinterher voll Dankbarkeit erkannt
als geprägt aus lauterstem Dukatengolde!
So viel Blender zeigten später sich als Trug und Tand,
als Trompetenblech, das Edelmetall scheinen sollte!
Du nur wahrtest, nachdem mein Vermögen treulos schwand,
immer Deinen vollen Wert und gütigen Bestand,
goldener Pfennig, den ein Zufall aus dem Staub mir holte!

Niemals habe ich wohl einen bessern Griff getan,
als an jenem Tag, da nach dem unscheinbaren
Fund ich mich gebückt und dabei einen Schutz gewann,
der zum Krösus noch mich macht in Elendsjahren.
Was für Phantasiegebilde, welch verlog´ner Wahn,
soviel pfiffig vorgetäuschte Flitterschätze waren!
Du nur bliebst, nachdem viel nebuloser Spuk zerrann,
als Glückspfand mir und segensstarker Talisman,
goldener Pfennig, in des Sturmes drohenden Gefahren.

Alle Stücke, die mein Spartopf außerdem enthält,
womit schlaue Schuldner listig mich bezahlten,
haben nach genauer Prüfung sich herausgestellt -
- wie sich auch in gleißnerischem Lackglanz prahlten -
als gemeines Katzengold und falschgemünztes Geld.
Darum, weil mir solche Talmigroschen zu viel galten,
lass Dich, bis mich reif des Knochenschnitters Sense fälllt,
einziges, letztes Kleinod meiner so verarmten Welt,
goldener Pfennig, fest in eifersüchtigen Händen halten!

Weil ich Dir durch einen Glückszufall begegnet,
liebste Käthe! war, trotz trotz allen feindlichen Gewalten,
doch mein Leben reich und tausendfach gesegnet!
Darum lass Dich, hellste meiner Traumgestalten,
ewig fest in eifersüchtigen Händen halten!


3) Mein sprechendes Bild


Ein kleines Bild hat mir viel neuen Mut geschenkt
und viele trübe Stunden mir erhellt!
So oft ich meinen Blick in dies Antlitz versenkt,
ward es lebendig und hat es beredt erzählt:

„Ich irrte tränenblind durch lange Finsternis;
unzählige Nächte hab ich mich für Dich zerquält!
Je mehr man es durch Dorn und Stachel blutig stieß,
je mehr har sich mein unbewehrtes Herz gestählt.
Als man mich damals nackt aus Deinen Armen riß,
war ich ein junges, sorglos hingegebenes Weib;
ich ahnte kaum des Lebens schale Bitternis,
Dein Glück zu hüten, war mir Pflicht und Zeitvertreib.
Wie tief war diese Stirn seitdem in Staub gebückt!
Wie unbarmherzig hat den armen, zarten Leib
das rauhe Sträflingshemd beleidigt und bedrückt!
Nicht Liebe! - Schmerz machte mich zum reifen Weib.
Es hat dies ernste Auge so viel Leid erblickt,
so viel Verkommenheit mit Abscheu angesehn -
wie viele Seufzer er in Zorn und Scham erstickt,
wird dieser herb geschlossene Mund nie ganz gestehn!
Doch höre, was es auch klar und ohne Worte spricht:
Was immer noch an bitterer Unbill mag geschehn,
ich bin Dir zugeschworen, ich verlass Dich nicht!
Mit Dir will ich einst bis zur letzten Schwelle gehn!
Ich trage wartend jeden schmerzlichen Verzicht
für Dich, den keiner meiner Sinne je vergaß!“ -

Das ist es, was ich in dem sprechenden Gesicht
des kleinen Bildes mit Erschütterung las,
so oft ich meinen Blick in seinen Blick versenkt,
so oft ich prüfend die geliebten Züge maß.
Von allem Glück das mir trotz Tod und Teufel ward geschenkt
wirst Du das Beste bleiben, das ich je besaß!


4) Letzte armselige Gabe!


So voll mein Herz, so leer sind meine ausgeraubten Hände,
man nahm mir alles bis auf ein grauschmutziges Narrenkleid.
So arm bin ich geworden: Meine Festtagsspende
ist nur mein leises Wort im paukenlauten Lärm der Zeit:
Du kamst zur weihnachtlichen Sonnenwende,
als Engel einst in meine Winterwelt geschneit
und zeigtest mir: Der Himmel ist nicht nur eine Legende,
solange Du mich liebst, ist er mir helle Wirklichkeit!

Am schönsten Tage wirst Du mir alljährlich neu geboren,
als Weihnachtsstern in einem feindlich dunklen Nebelland.
Solange Du mir leuchtest, habe ich ja nichts verloren,
als dass man mich aus Deinem milden Licht verbannt!
Nimm, Trösterin vor meines Fegefeuers Toren,
das alles hin, was ich noch zu verschenken fand:
Mein volles Herz, das ich als arme Gabe Dir erkoren,
weil ich so arm bin! Weil so leer ist die entblößte Hand!

Kurt Finkenstein, aus einem Brief an Käte Westhoff, Kassel-Wehlheiden, den 4. Advent 1938; in: Briefe aus der Haft 1935 – 1943, herausgegeben, kommentiert und eingeleitet von Dietfrid Krause-Vilmar, Mitarbeit: Susanne Schneider; 1. Auflage, Verlag Winfried Jenior, Kassel 2001

Kurt Finkenstein wurde als Sohn eines deutschen Offiziers und einer polnischen Jüdin am 27.3.1893 in Straßburg geboren. Seine pazifistische Gesinnung und literarische Interessen führten ihn zur Mitarbeit an der Zeitschrift. "Die Aktion" (Hg. Franz Pfemfert). 1935 wurde er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Käte Westhoff verhaftet. Mehr als 27 Monate war er in Kasseler Gefängnissen in Untersuchungshaft; im November 1937 wurde er zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt. Käte Westhoff wurde nach ihrem Freispruch 1937 in das (Frauen-)KZ Moringen, von dort in das KZ Lichtenburg gebracht. In der Gefangenschaft erfuhr Finkenstein vom Tod seiner früheren Frau und seiner beiden Söhne, die als Soldaten in Russland ihr Leben ließen. Am letzten Tage der Verbüßung der Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen und erneut nach Breitenau, später von dort nach Auschwitz deportiert, wo er am 29. Januar 1944 ums Leben kam.

Samstag, 20. Dezember 2025

Heinrich Horvát: Das schöne Jahr

 



Das schöne Jahr

Der Lenz war süß, mit einem jungen Mädchen
Trank ich im jungen Walde jungen Wein.

Der Sommer war ein Fest; im hohen Mittag
Sangen die Käfer auf dem Blumenfelde.

Der Herbst sah uns in laubgeschmückten Kähnen,
Rot säumten Ebereschen unsern Strom.

Der Winter aber ist die märchenhafte,
Die leise Zeit. Wir dichten dann von Bäumen,
Von rotem Herbst und heller Frühlingshalde,
Von Bienenblumensang und diesem wunderreichen
Schneeflockenvorhang, der sich langsam senkt
Und endlos senkt und ohne Laut. . . oh sieh
Des Schweigens weiße Blüten an den Fenstern.

Heinrich Horvát, aus: Das Ziel, Blätter für Kultur und Satire, 1. Jahrgang, 4. Heft, Kronstadt 1919, auch in: Der Sturm, Gedichte nach dem Chinesischen

Heinrich Horvát, Übersetzer und Dichter, geboren am 11. Februar 1877 in Klausenburg, gestorben am 21. Juli 1947 in Budapest

Das Foto ist von mir

Freitag, 19. Dezember 2025

Mala Laaser: Heimat / Geburt der Verse

 



Heimat


Du fragst, wo ich zu Hause bin?
Am blauen, blauen Meer,
Und meine Heimwehsehnsucht zieht
Mit den Störchen hierher.

Meine Sehnsucht liegt im Dünensand
Und starrt ins Haff und ins Meer hinaus.
O, sage mir einen Weg
Über die Ferne nach Haus.

O, sage mir einen Weg
In mein liebes Heimatland,
Der Roggen blüht ja so gelb, so gelb
Und am Meer, da flüstert und rieselt der Sand.

Mala Laaser, aus: Central-Verein-Zeitung, Allgemeine Zeitung des Judentums, XIII. Jahrgang, Nr. 4. Berlin, 25. Januar 1934


Geburt der Verse

Nehmt, was wir euch sagen, nicht als Habe!
Ach! Wir dulden, ehe wir gebären!
Feuers Kraft zwingt unser Herz zur Gabe,
Leiden treibt, das Wort zum Sinn zu kehren!

Wir sind Born und werden schwer zur Quelle,
Brände wirken unser Überfließen!
Wir sind Inhalt! Sturm macht uns zur Welle!
Glaubt uns doch: wir wollen nicht! Wir müssen!

Mala Laaser, aus: Central-Verein-Zeitung, Allgemeine Zeitung des Judentums, XV. Jahrgang / Nr. 15, Berlin, 9. April 1936

Mala Laaser, eigentlich Amelie Eva Ruth, geboren am 19. Juli 1911 in Königsberg, gestorben am 23.3.1943 in Glasgow, Schriftstellerin und Journalistin.Sie schrieb Reportagen und veröffentlichte später auch Geschichten und Gedichte, hauptsächlich in jüdischen Zeitschriften. Eine kurze Suche im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek und im Online-Portal Compact Memory der Universitätsbibliothek Frankfurt/M., das bis 1938 die wichtigsten jüdischen Zeitungen und Zeitschriften der deutschsprachigen Welt umfasst, zeigt, dass Laaser in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre ihre Artikel, hauptsächlich längere Novellen, sowohl in der Central-Verein-Zeitung als auch im Jüdischen Gemeindeblatt veröffentlichte der Jüdischen Gemeinde Berlin, in den monatlichen Zeitungen des Jüdischen Kulturvereins in Berlin und in der Berliner Monatsschrift der Juden in Deutschland.

1937 lernte Mala Laaser den Schriftsteller und Juristen Jacob Picard (1883–1967) kennen. Sie verlobten sich. Das Paar löste ihre Verlobung und Beziehung ab, vermutlich wegen der Auswanderungsversuche. Im Gegensatz zu ihrer Mutter wurde Malas Auswanderungsantrag genehmigt. Am 23. August 1939 verließ Laaser das nationalsozialistische Deutschland und folgte ihrem Bruder nach Großbritannien.

Das Bild ist von Georges Lacombe (1868 - 1916)

Donnerstag, 18. Dezember 2025

Klabund: Weihnachtslegende

 



Weihnachtslegende

Ich bin durch Winter und Wald gegangen,
Eia Maria,
Ich bin durch den Winterwald gegangen,
Sah alle Tannen voll Sternen hangen,
Engel standen im Schnee und sangen,
Eia Maria.

Auf einer Lichtung im weißweißen Wald,
Eia Maria,
Erschien deine gebendeite Gestalt,
Deine Augen strahlten solche Gewalt,
Dass ich mich zitternd am Baum gekrallt,
Eia Maria.

Du trugst auf deinen Armen lind,
Eia Maria,
Das himmlische, dass irdische Kind,
Und dein Gefolge war Schnee und Wind,
Reh, Wiesel und Maulwurf blind,
Eia Maria.

Du zeigtest den Tieren deinen Sohn,
Eia Maria,
Die Menschen haben für ihn nur Hohn -
Da neigten sich Hirsch und Hase schon,
Der Wind wehte sanft, der Schnee wie Mohn,
Eia Maria.

Du stiegest empor durch Tann und Farr,
Eia Maria.
Da beugten die Bäume sich mit Geknarr,
Da neigten die Felsen sich felsicht und starr,
Und da kamen auch Menschen - ein Kind und ein Narr -
Eia Maria.

Klabund, aus: Gesammelte Gedichte, Lyrik, Balladen, Chansons, Phaidon-Verlag Wien 1930. Erster Kreis Die Himmelsleiter

Klabund, das ist Alfred Henschke, (1890 - 1928) Für die Nazis, die seine Werke später verboten, seine Bücher verbrannten, war er ein „Asphaltdichter“, also in etwa ein entarteter und verjudeter Künstler, für die Kommunisten war er ein „bürgerlicher Individualitätstrottel“. Doch mit seinen Gedichten, die er in kleinen Heften, wie zum Beispiel der „Harfenjule“ veröffentlichen ließ, billig gedruckt und günstig zu haben, so wollte er es, traf er einen Volkston, der ihn bei den „kleinen Leuten“ beliebt machte.

Das Bild ist von Mario Bertola (1880 - 1926)

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Rosa Mayreder: Mit dir die Stunden traut hinwegzulachen. . .

 



Mit dir die Stunden traut hinwegzulachen,
Die stets erfüllten, was sie uns verhießen,
Die Lotosfrucht des Glückes zu genießen,
Die wir im Garten froher Muße brachen -

Das war ein Traum. Und müssen wir erwachen,
Wir wollen uns mit gutem Mut entschließen.
Das Leben ruft; es darf uns nicht verdrießen,
Wenn sich das tägliche will geltend machen.

Soll denn ein zartes Glück darin verderben?
Wenn es der Zufall gab, so mag es enden,
Bewähre sich, was wir uns selbst erwerben!

Getrost, mein Freund! erfasse nur dein Leben,
Dein Glück mit reinem Sinn, mit starken Händen,
Und neugestaltet wird es sich erheben.

Rosa Mayreder, aus: Zwischen Himmel und Erde, Sonette, Verlegt bei Eugen Diederichs Jena 1908

Rosa Mayreder, geboren am 30. November 1858 in Wien; gestorben am 19. Januar 1938 ebenda, Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Kulturphilosophin.

Das Bild ist von Sergey Solomka (1867 - 1928)

Dienstag, 16. Dezember 2025

Wolfgang Hellmert: Spät

 



Spät

Dies Land das einmal Meer war
Wird wieder einmal Meer sein.
Dies Herz das leicht und schwer war
Wird ausruhn und wird leer sein.
Die Sagen werden sterben.
Kein Mythenregen geht
Bis auf den letzten Erben
Im letzten Schein des Spät.

Die Heimat das Uralte
Zieht Hirt und Herde ein -
Bitt: dass es ihrer walte,
Dass sie geborgen sein,
Bis was auch dann auch hehr ist
Und niedrig west nicht mehr,
Bis dass all Land das Meer frisst,
Bis noch verebbt das Meer.

Wolfgang Hellmert, aus: Monatsblätter, Kulturbund deutscher Juden, 2. Jahrgang Nr. 7, Juli 1934

Aus der gleichen Ausgabe: „28jährig starb im Ausland Wolfgang Hellmert, der eigentlich Adolf Cohn hieß und aus Berlin stammte. Er war in jener `Anthologie jüngster Lyrik“ hervorgetreten, die im Verlage Enoch, Hamburg, erschienen ist. Aus einer Fülle unvollendeter Arbeit hat der Tod ihn gerissen“

Wolfgang Hellmert, geboren als Adolf Kohn am 15. August 1906 in Berlin; gestorben am 24. Mai 1934 in Paris im Exil.

Ab 1926/1927 gehörte er zum Freundeskreis von Klaus Mann, zusammen mit Herbert Schlüter, Willi Fehse, Annemarie Schwarzenbach und René König. Ab 1928 gehörte er zum Autorenkreis des Hamburger Rundfunksenders NORAG. Ende März 1933 musste er aus Deutschland emigrieren und ging nach Paris. Dort starb er 1934 durch Selbstmord mit einer Überdosis Morphium im Alter von 27 Jahren.

Das Bild „Mönch am Meer“ ist von Caspar David Friedrich (1774 - 1840)

Montag, 15. Dezember 2025

Moriz Seeler: Der Ballspieler

 



Der Ballspieler

Die fremden Knaben mit den seidnen Larven
- Bloß in der Mitte einer das Gesicht
Ganz frei und ohne jede Hülle - warfen
Die vielen Bälle aufwärts in das Licht.

Sie waren plötzlich weg: der zweite . . . dritte,
Der sechste und der siebente verschwand,
Bis nur noch jener eine aus der Mitte
Ganz rein und hüllenlos im Walde stand.

Er schien den Fuß kaum vor- und rückzustellen,
Zuweilen drehte er den Körper zwar
Doch spielte er mit den gesamten Bällen
Der ganzen vorher dagewesnen Schar.

So leicht, als müsse er nur einen werfen
Und sei von jedem neuen Ball beschenkt,
Und alle seine Muskeln oder Nerven
Erschienen kaum bewegt und angestrengt,

Fast wirbelte es allzu bunt - er aber
Schuf spielend manche herrliche Figur.
Und Flammen, Kreise, Blumen, Kandelaber,
Die ihm gelangen, waren Bälle nur.

Doch suchte in dem farbigen Gewimmel,
Beim Flug der Bälle und beim Niederfall,
Der Blick des Spielenden allein den Himmel
Und hing an ihm, als gäb es keinen Ball.

Moriz Seeler, aus: Central-Verein-Zeitung, Allgemeine Zeitung des Judentums, XV. Jahrgang / Nr. 15, Berlin, 9. April 1936

Moriz Seeler, geboren am 1. März 1896 in Greifenberg in Pommern als Moritz Seeler; ermordet am 18. August 1942 im Wald von Rumbula oder Bikernieki, Theaterregisseur, Schriftsteller, Filmproduzent.

Aus dem Kriegsdienst 1916 entlassen, hielt er sich in Berlin auf und verfasste Gedichte und Sketche und verkehrte in den Berliner literarischen Caféhäusern wie dem Romanischen Café. Seeler schrieb für die Zeitschrift Der Feuerreiter. Er gründete 1922 und leitete bis 1926 die „Junge Bühne“, die ohne festes Personal für Nachwuchsschauspieler in den etablierten Theatern Auftritte in Sonntagsmatineen organisierte.

Das Bild ist von 
François Louis Schmied (1873  -  1941)

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten floh Seeler 1933 nach Prag und Wien, kehrte aber, da er keine Arbeit fand, 1935 in das Deutsche Reich zurück. 1937 veröffentlichte er in einem Wiener Verlag einen Gedichtband, der unter anderem von Kurt Pinthus in der CV-Zeitung rezensiert wurde. Ab 1938 hielt er sich wieder in Berlin auf, ohne im Theater arbeiten zu können, wurde dann aber als Zwangsarbeiter eingesetzt. Während der Novemberpogrome 1938 wurde Seeler kurzzeitig verhaftet. Von Berlin aus wurde Seeler am 15. August 1942 in das Ghetto Riga deportiert.

Seeler wurde am 18. August 1942 im Wald von Rumbula (oder Bikerniek) ermordet.

Samstag, 13. Dezember 2025

Emmy Hennings: Licht im Advent / Kinder des Lichtes

 



Licht im Advent


Komm Licht der Welt, Du Morgenstern,
Der einst den Sternen Licht gegeben.
Die Kinder sehen dich so gern,
Sie kennen dich, du ewges Leben.

O, schönes Licht, Licht im Advent.
Die Kinder habens angezündet.
Das junge Herz in Freude brennt,
Weil einst ein Engel dich verkündet.

Wir singen helle Weihnachtslieder,
Uralt, vom Gold der Liebe schwer.
Und alle Jahre klingt es wieder:
Vom Himmel hoch da komm ich her.

Wie einst du strahltest auf dem Feld,
So komm noch einmal in die Dunkelheiten.
Hilf, dass den Frieden wir verbreiten,
O Jesuskind, Du Licht der Welt.


Kinder des Lichtes

Man wird sie Kinder des Lichtes nennen.
Es einet alle ein göttliches Band.
Die nie sich von der Liebe trennen
Wandern gemeinsam Hand in Hand.
Sie sind in Gott einander verbunden.
Sie haben Zeit und Leid überwunden.

Sie kommen vereinzelt und kommen in Scharen.
Es kommen die jungen und jene an Jahren.
Es ruft sie die Stunde, die Gott nur kennt,
Wenn jedes Herz in Sehnsucht entbrennt.
Und in den Sternen steht es geschrieben -
O, Strahlenglück am Firmament -
Wir wollen den Frieden. Wir wollen lieben.

Emmy Ball-Hennings, maschinengeschriebenes Skript aus dem Nachlass, undatiert, Schweizerische Nationalbibliothek

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.

Das Bild ist von Tivadar Kosztka Csontváry (1853 - 1919)


Leo Greiner: Abendlied

 



Abendlied

Nun wehn die Gärten grauer
im unbekannten Wind,
wenn abendliche Trauer
von meinen Leuchtern rinnt.

Halbhell und wunderbarer
verwittert Schein und Glut.
Die Sinne werden klarer,
das Leben wird zur Flut:

Ich sehe die zerfallenen
Schmerzstunden drunten glühn
und oben im Kristallenen
schon eine Luft erblühn,

der nicht im trunkenen Herzen
das Blut des Schmerzes rollt,
die wie die Glut der Kerzen
im späten Abendgold:

Nur eine stille Flamme
in eine stille Pracht;
die hoch vom Silberstamme
hineinblüht in die Nacht.

Leo Greiner, aus: Vier Gedichte in Das Ziel, Halbmonatsschrift für Kunst, Kultur, Kritik, 1. Jahrgang, 10. Heft, Kronstadt, September 1919

Leo Greiner, geboren am 1. April 1876 in Brünn, gestorben am 21. August 1928, Lyriker und Übersetzer jüdischer Herkunft, bekannt wurde er unter anderem durch seine Werke über den Dichter Nikolaus Lenau.

Das Bild ist von Atkinson Grimshaw (1836 - 1893)


Donnerstag, 11. Dezember 2025

Hedda Sauer: Herbst

 



Herbst

Und immer, wenn du kommst, du stiller, milder,
Du heller Herbst mit deiner Farbenpracht,
Wenn du der Sommertage Wappenschilder,
Die grünen Blätter, rot wie Blut gemacht, --

Dann sehʼ ich sie sinken, eines nach dem andern,
Meine Heiligtümer sinken leis herab,
Es ist ja Herbst, die blauen Schwalben wandern,
Und blauer Enzian blüht am Wilderergrab.

Und was zuerst mir starb, das war die Liebe --
Nichts wird wie sie des rauhen Jahres Raub,
Sie ist ja nur ein Grünen junger Triebe,
Im Frühling hold, im Herbst ein bisschen Staub.

Und zitternd fällt ein zweites Blatt hernieder; --
Der Glaube warʼs, der sommerklar geglänzt, --
Und schaudernd sehʼ ich auf die nackten Glieder
Der Menschheit, die er mir solang umkränzt!

Dann sank die grüne Hoffnung müd`zur Erde,
Und hinter ihr Ströme des Sonnenlichts; --
Wie lang wirdʼs dauern, bis ichʼs fassen werde:
Der Winter kommt – das Ende kommt – sonst Nichts.

Hedda Sauer, aus: Ins Land der Liebe. Prag: J.G. Calveʼsche k.u.k. Hof u. Universitätsbuchhandlung, 1900

Hedda Sauer, geboren am 24. September 1875 in Prag; gestorben am 21. März 1953 ebenda, Dichterin und Übersetzerin in Prag. Sie gehörte mit ihrem Mann Prof. August Sauer zur dortigen Kultur- und Künstlerszene und hatte Kontakte zu Rainer Maria Rilke, Ellen Key, Bertha von Suttner und anderen Persönlichkeiten.

Das Bild ist von Harald Sohlberg (1869 - 1935)

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Hugo Sonnenstein: Rückkehr

 



Rückkehr

Von Sonka (6.2.1941)

Am Ende sucht im Irrsal seiner Nöte
der Enkel Zuflucht bei der Väter Haus:
Von morscher Schwelle, die ich scheu betrete,
– ich hör das Raunen biblischer Gebete –
schau ich nach einem, der mir öffnet, aus.

Der Tag erlischt, die Äcker und die Gärten
verdämmern und vergehn vor meinem Blick,
verschneit, verweht bis in die letzten Fährten
ist meiner Wege Traum und Spiel und Glück.

Und es versinken meiner Erde Grenzen
in Frost und Einsamkeit der Wolkenhöhn,
im Abend seh ich dunkles Blut erglänzen,
wie Opferfeuer, die bei Toten stehn.

Und die Dezembernacht auf grauen Flügeln
entschwebt dem ruhevollen Friedhoftal,
die kalten Fernen ihres Himmels spiegeln
die Sterne und des Mondes Sichelmal.

Ums starre Angesicht der Landschaft breitet
der Sturm ein Leichentuch von Schatten aus.
Es naht ein Bote, der, von Gott geleitet,
– ich hör ihn, wie er durch die Eisnacht schreitet –
mir gnädig aufschließt meiner Väter Haus.

Hugo Sonnenschein, aus: Sonka: Schritte des Todes. Traumgedichte. Limmat-Verlag, Zürich 1964

Hugo Sonnenschein, geboren am 25. Mai 1889 in Gaya, Österreich-Ungarn, gestorben am 20. Juli 1953 in Mirov, Tschechoslowakei, er schuf expressive Gedichte mit volksliedhaften Zügen. In seinen Gedichten stilisierte er sich selbst zum „Bruder Sonka“. Von 1911 bis 1914 zog er als Vagabund durch Europa. 1934 wurde er aus Österreich ausgewiesen. 1940 wurde er von den Nazis im Gefängnis Pankrác inhaftiert und 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und 1945 befreit. Seine Frau wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Das Bild mit dem Titel Winter ist von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1875 - 1911)

Gertrud Kolmar: Die Tochter

 



Die Tochter

(Meinem Vater)

Ob ich formend noch in Händen trage,
Was, ein Flimmern, aller Form entflieht,
Doch im Sinn die Schale einer Waage
Tief und wie behutsam niederzieht,
Ob ich mit geeichten Worten messe,
Was zuweilen unermesslich scheint,
Keine Erzesschmelze wie die Esse,
Nicht gewaltstolz wie ein Feind?

Dieses ist nur Duft in einem Zimmer,
Duft von Blumen, die man niemals schaut;
Es verwittert, und ich schütz´ es nimmer;
Denn es kehrt mit einem Vogellaut:
Zwitscherschlag am Fenster einer Meise,
Am Gesims der schwarz beschenkte Star,
Und es ist auf unbekannte Weise
Wieder um mich, wie es war.

Ruft uns nicht die goldgekrönte Starke,
Die des armen Mädchens Herz bewegt,
Die es führt zur wundervollen Barke
Und ihm dann die Hand vor Augen legt.
Die das Weib dem Manne wirft und bindet?
Zwischen Kind und Vater weilt und schweift
Eine Stimme nur, die sinkt und schwindet,
Und ein Saum, der leise schweift.

Und Gespräche wandeln, matt, alltäglich,
Fern den wilden, blutdurchglänzten Schrei,
Der sich hebt und aussagt, was unsäglich;
Keine Sonne bricht uns Gott entzwei. . .
Ach, wie darf ich in Vergleiche rahmen,
Was sich kaum zum Bilde mir geklärt?
Eine Liebe ohne Liebesnamen,
Die oft siecht - und schweigt. Und immer währt.

Gertrud Chodziesner (Gertrud Kolmar), aus: Central- Verein- Zeitung, Allgemeine Zeitung des Judentums, XV. Jahrgang, Nr. 15. Berlin, 9. April 1936

Gertrud Kolmar (Pseudonym für Gertrud Käthe Chodziesner, geboren am 10. Dezember 1894 in Berlin. Ab Ende der 1920er-Jahre erschienen einzelne ihrer Gedichte in literarischen Zeitschriften und Anthologien. 1934 wurde ihr zweiter Gedichtband Preußische Wappen im Verlag Die Rabenpresse von Victor Otto Stomps publiziert. Diese Veröffentlichung brachte den Verlag auf eine Liste unerwünschter Verlage des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, von dem er dann boykottiert wurde. Kolmar durfte ab 1936 nicht mehr unter ihrem Künstlernamen publizieren, sondern nur noch unter ihrem Familiennamen Chodziesner.

Ab Juli 1941 musste Gertrud Kolmar Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten. Ihr Vater wurde im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und starb dort im Februar 1943. Gertrud Kolmar wurde am 27. Februar 1943 verhaftet und am 2. März 1943 im 32. sogenannten Osttransport des RSHA in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Von den etwa 1500 Berliner Jüdinnen und Juden, die in diesem Zug am 3. März 1943 in Auschwitz ankamen, wurden nach der Selektion an der 'Alten Rampe' 535 Männer und 145 Frauen als „arbeitsfähige“ Häftlinge registriert und in das Lager eingewiesen. Die übrigen etwa 820 Deportierten dieses Zuges, darunter Gertrud Kolmar, wurden nicht als Häftlinge registriert und vermutlich sofort nach der Ankunft in der Gaskammer ermordet.


Dienstag, 9. Dezember 2025

Willy Blumenthal: Zwischen Raum und Zeit - Gedichte von Abschied und Aufbruch

 



Zwischen Raum und Zeit

Gedichte von Abschied und Aufbruch

I. Raum und Zeit

Gespenster sind es, Raum und Zeit,
Verschwisterter Dämon, der uns entzweit,
Strecke des Raums, Spanne der Zeit
Bewirken Trennung, Trennung ist Leid.

Riesiger Raum, zaudernde Zeit,
Ewiges Wandern, ziellos und weit. -
Dauer der Fernheit: Lebens Gebot.
Zeitlose Nähe: Erfüllung im Tod.


II. Geahnte Trennung

Unsere Nähe war nur Ferne, die schlief.
Was zwischen wärmenden Worten uns rief,
In die Falten unserer Freuden sich stahl,
Als warnend-weckender Widerhall,
Als langsam-langendes Leid,
War das zögernde Raunen der Zeit.

Im Dunkel unseres Denkens tief
Eine Ader des Ahnens lief,
Ein flüsternder Funke von Qual,
Ein Mahnen an letztes Mal. -
Inmitten unserer Geborgenheit;
Das Erkennen der trennenden Zeit.


III. Abschied und Aufbruch

Wir beugen uns noch den vertrauten Worten,
Die sich ergehn im Sorgen und im Sagen,
Im Geist schon nah den unerkannten Orten,
Den alterprobten aus Urväter Tagen.

Auf Stimmen horchen wir, die um uns ringen:
Mahnung und Warnung, sanfter Trost und Rat,
Dieweilen die Meere uns umringen,
Der Häfen Frische und die junge Saat.

So lauschen wir im janushaftem Drange,
Zurückzufinden zum geliebten Munde,
Und wandern doch auf abgewandtem Hange,
Wir, hingegeben an den Rausch der Stunde.


IV. Vor der Ausreise

Ein neues Heldentum gab Gott den Söhnen:
Sie lächeln ihren alten Müttern zu
Und zaubern ihrem tränenwehen Munde
Die Falten fort in dieser Trennungsstunde
Und härten sich zum schmerzlichen Gewöhnen.

Sie sprechen heitere Worte, voller Ruh´,
Obwohl sie wissen, dass der Augenblick
Unwiederbringlich ist, und letztes Glück
Und ewiger Abschied sich in eins verschlingt.

Ja, unsere Jugend weiß es, und sie singt
Sieghaften Auges zu den grauen Strähnen,
-  Männer, die scheu sich nach der Kindheit sehnen  -,

Und fühlen Kraft in diesem letzten Schauen,
Der alten Heimat Boden neu zu bauen,

Und straffen sich noch fester im Entgleiten
Des Mutterbildes, winkend in die Weiten. . .

Willy Blumenthal, aus: Central- Verein- Zeitung, Allgemeine Zeitung des Judentums, XV. Jahrgang, Nr. 15. Berlin, 9. April 1936

Willy Blumenthal, geboren am 25. 6. 1894 in Berlin, dort auch Studium bis 1920, Lehrer und Schriftsteller, schrieb für verschiedene jüdische Publikationen Lyrik und Prosatexte. Am 7. 10. 1941 wurde er zur Zwangsarbeit im Reichsarbeitsdienst eingezogen, Deportation nach Auschwitz am 29. 1. 1943, dort ermordet.

Das Foto zeigt eine ausgewanderte jüdische Familie November 1938

Montag, 8. Dezember 2025

Leo Hirsch: Die Jahreszeiten der Kastanie

 



Die Jahreszeiten der Kastanie

I

Geborsten sind die Kupfersiegel
Der Knospenkuppeln vor dem grünen Drängen
Der Blättchen, die, unflügge Flügel,
Noch lichtbetäubt, schon zart befiedert hängen.

Noch beugt sie jeder Tropfen Regen
Und überrieselt ihre dünnen Rippen.
Sie furchen, bäumen sich entgegen
Und werden Rinnen, Zungen, Regenlippen.

Starr steht der Stamm, schwarz trieft die Rinde,
Tief tönt der Wurzel Durst im Rausch der Tropfen:
In jedem Zweig pulst himmlisches Herzklopfen, -
Gib, dass auch ich so eine Flut empfinde!

II

Schwarz steht der Stamm und reckt die Knorrenarme
Der Äste in das Mittagsfächeln,
Die grün gefächert, hochgewölbt im Schwarme
Der Schmeichelwinde flüsternd lächeln.

Der Zweige Flüstern zwitschert silbergolden
Frohlockmusik aus Amselkehlen;
Zu rosenweiß entflammten Blütendolden
Erblühn des Baumelächelns Seelen.

Aus jedem Zweig, Blatt, Kelch und Blütenstaube
Strömt´s in ein Blütgejauchz zusammen,
Lichtdunkel, lichtsatt strotzt der Baum im Laube:
So lass mich flüstern, lächeln, flammen!

III

Noch lugen alle Waldrandhecken
Mit Brombeer-Augen in die Welt,
Noch sonnen sich die Weinbergschnecken
Und gelbe Gräser recken
Die Köpfe aus dem Stoppelfeld.

Die mahagoniroten, kecken
Kastanien sprengen überall
Die Wölbung grüner Stacheldecken
Und fallen wie vor Schrecken
Und schlagen auf mit leisem Prall.

Die ersten reifen Früchte fallen
Und glühen dunkelrot im Grün
Des Grasmeers, riesige Korallen.
Der Baum steht auf den Knien
Inmitten, betend: Nimm mir alle!

IV

Stumpfe Stämme stützen
Dumpf die regenzernetzten
Äste gegen den Wind.
Rostwelk modern die letzten
Blätter in den Pfützen,
Die am Fuß der Gehetzten
Wie Blutlachen sind.

Die Blutlachen zieren
Morgens Eisblumensäume,
Bis das Blut starr gerann.
Schnee fällt. Nachts wird es frieren.
Tode werden dann Träume.
Heiter ziehen die Bäume
Schneetotenkittel an.

Leo Hirsch, aus: Central- Verein- Zeitung, Allgemeine Zeitung des Judentums, XVI. Jahrgang, Nr. 27. Berlin, 8. Juli 1937

Jizchak Arjei Leo Hirsch, geboren am18. Januar 1903 in Posen; gestorben am 6. Januar 1943 in Berlin, Journalist und Schriftsteller.

Leo Hirsch war Sohn des Kolonialwarenhändlers Zwi Hirsch und der Bertha Selka. Er wuchs in die Kleinstadt Ostrowo auf, in der Deutsch, Polnisch und Jiddisch gesprochen wurde. Die Stadt wurde 1918 polnisch, wobei die Familie bei den Pogromen ihr Ladengeschäft verlor und nach Berlin flüchtete. Hirsch musste sein in München angefangenes Studium abbrechen und zum Familienunterhalt beitragen. Er arbeitete beim Berliner Mosse-Verlag als schlecht bezahlter Journalist am Berliner Tageblatt.

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten arbeitete er im Feuilleton des Jüdischen Nachrichtenblatts, des letzten jüdischen Kommunikationsorgans, das in der Zeit des Nationalsozialismus in Berlin von 1938 bis 1943 erscheinen konnte. Hirsch war außerdem im Kulturbund Deutscher Juden tätig. Er starb – geschwächt durch schwere Zwangsarbeit – im Jüdischen Krankenhaus Berlin.

Das Bild Kastanienblüten ist von Vincent van Gogh (1853 - 1890)

Emmy Hennings: Ja, lerne nur. . . , Noch einmal

 



Ja, lerne nur. . .

Ja, lerne nur die Welt begreifen,
Und atme tief das Leben ein.
Lässt du es in dir ruhn und reifen,
Dann wirst du niemals Richter sein.

Halt dich nicht auf, tu dich nicht kränken.
Was gehen dich an die fremden Mängel?
Man braucht ja nur sich selbst bedenken.
Ach, ich bin immer noch kein Engel.

Ich kam als Mensch auf diese Erde.
Ich will erkennen, was ich bin.
Das helle Schöpferwort: Es werde. . .
Hat auch im Schattentale Sinn.


Noch einmal

Noch einmal weilen in der Sonnenspur.
Mein Sommerglück, du gehst zur Neige.
Verblühte Blumen auf der matten Flur.
Es dringt ein Lied aus einer müden Geige,
Das Heimwehlied, das ich in mir verschweige. . .

Noch einmal wolle, Sonne, mich umkosen.
Will weinen dir das Lied der Dankbarkeit.
Ach, wie ergeben stehn die Herbstzeitlosen.
Da schließen meine Augen sich wie Rosen,
Die sanft und blass zum Schlafengehn bereit.

Maschinengeschriebenes Skript aus dem Nachlass, undatiert, gezeichnet mit Emmy Ball-Hennings; Schweizerische Nationalbibliothek

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich.


Samstag, 6. Dezember 2025

Max Zodykow: Einem Proletariermädchen, Den Tag. . .

 



Einem Proletariermädchen

Weißt du noch, wie du dich an mich schmiegtest
Und deine Not mir vertrautest?
Wie du auf meinem Knie dich wiegtest
Und zag an deiner Zukunft bautest?

Weißt du noch , wie wir im dunklen Zimmer,
Gedämpft und voll Vorsicht, dein Leben besprachen
Und in seltsam tönenden Schimmer
Worte des härtesten Grolls dir entbrachen?

Mich rührte deine Stimme, die leisen Worte
Schlugen so sonderbar an meine Seele.
Da war kein Gesicht, kein Atem, keine Kehle,
Da war nur ein Mund und waren Akkorde.

Und ich war das Ohr, die enge Pforte,
Durch die man zur Welt und zum Himmel sich stiehlt.
Hunderte reden so . . . Alltagsworte -
Mir es aber den Atem verhielt;

Denn das ganze Leid und der ganze Mut
All der Millionen brach in mich ein.
Ich wurde durch dich ganz still und rein,
Mir selbst versöhnt und gut.


Den Tag. . .

Den Tag, an dem ich dir zu Füßen saß,
Und du mir weiße Schlingen um die Schläfen wandest,
Die ich, nicht fassend, was in ihnen ruht
Still hinnahm wie der Liebe lächelnd Los und Zeichen. . .

Den Tag, an dem ich inbrünstig erschlossen
Dir alle meine offnen Hüllen, tief und sehnend
Und grenzenlos zu kennen geben wollte. . .
Den Tag haben wir fremd und scheu verschwiegen.

Den Tag, der unser Leben in sich trug,
Erfuhren wir durch Monde erst und bittre Jahre.
Ein langes Leid hat quälend uns gekreuzt,
Bis wir erkoren, reif, uns selbst den Tag ersannen.

Max Zodykow, aus: Stimme aus dem Dunkel, Eine Auswahl von Gedichten und Prosa mit einer Einführung von Stefan Zweig, Felix Lehmann Verlag G.m.b.H., Charlottenburg. Ohne Jahr, wahrscheinlich 1929

Max Zodykow, geboren als Moses Zodykow (den Vornamen Max nutzte ab 1920 für seine Veröffentlichungen) am 12. Juli 1899 in Kaunas / Kowno, deportiert am 7. Dezember von Berlin nach Auschwitz, dort ermordet.

Er wurde blind geboren, nach anderer Aussage erblindete er im Alter von zwei Jahren. Seine Kindheit erlebte er in einer Welt, die wenig Verständnis für Blinde aufbrachte. Sie betrachtete ihn als Last und zeigte es ihm ständig.

Es gab aber auch Ausnahmen; an den Großvater und an ein Nachbarmädchen erinnerte er sich dankbar. Stefan Zweig schreibt im Vorwort zur einzigen Buchpublikation von Max Zodykow: „Seine Eltern flüchteten (…) aus Rußland, und weil sie arm sind, wollen sie nicht die Last eines blind geborenen Kindes in ein fremdes Land mitnehmen. So bleibt in einem jämmerlichen kleinen Dorfe bei der Großmutter ein kleiner blinder Junge zurück. Vollkommen vernachlässigt und verwahrlost von seiner Umgebung und abgeschlossen wie mit stählernen Mauern von der wirklichen Welt“ (Zodykow o. J., 4). Über seine Kindheit schrieb er im autobiographischen Romanfragment „Kindheit im Dunkel, die Geschichte eines Fremden“, das in Fortsetzungen in dem „Israelitischen Familienblatt“ 1933/34 erschien.

Stefan Zweig: „Einem Dienstmädchen dankt er, daß er im dreizehnten Jahre einige wenige Buchstaben abtasten kann, die er – welcher Dichter würde einen solchen Zug so genial erfinden? – von den vorspringenden Glasbuchstaben auf Sodawasserflaschen gelernt hat“

Max Zodykow schieb rückblickend: „Mit dreizehn Jahren in eine Blindenanstalt gekommen, habe ich nie eine Schule gekannt. Mit Heißhunger und Fleiß schlürfte ich in einem Jahr ein Pensum von acht Jahren in mich ein. Mein Erlerntes war nurmehr kaum erhascht und erjagt, als ich mit vierzehn Jahren in die Bürstenbinderei kam.“

Ab Mitte der zwanziger Jahre erscheinen in der Tagespresse einzelne Gedichte und Prosastücke sowie Besprechungen von Veranstaltungen, auf denen Zodykow selbst oder Künstler aus seinen Werken rezitierten. Über seine Heirat mit Bella Bergmann, die am 6. Januar 1902 in Frankfurt am Main geboren war und über ihr gemeinsames Leben schrieb er nichts. Vom März bis Dezember 1943 lebte das Ehepaar Zodykow illegal in einer Wohnküche im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg bei Bertha Cohn. Das Ehepaar Zodykow wurde am 7. Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert, und danach fehlt jede Nachricht. Quelle: 200 Jahre Blindenbildung in Deutschland (1806-2006), edition Bentheim, 2006, Würzburg

Das Foto zeigt Kinder in einem Blindenheim bei Übungen in der tastbaren Punktschrift, es stammt aus einem Artikel in Die Woche, Ausgabe 14 / 1901

Freitag, 5. Dezember 2025

Fred von Zollikofer: Vor dem Schnee, Schöne Erde. . .

 



Vor dem Schnee


Bald, wenn es schneit,
Trägt die Erde
Ihr stilles Kleid.
Und Wege, Wälder und Wiesen,
Leben und Lampenschein
Werden im Glitzern und Gleiten
Plötzlich verzaubert sein.

Bald, wenn es schneit,
Wird zum Geheimnis
Die Zeit.
Die Stunden fließen dann leiser
Im Wiegen der Flocken dahin.
Und die kleine Glocke der Kindheit
Läutet zum Traumbeginn.

Bald, wenn es schneit. . .

Fred von Zollikofer, aus: Ausgewählte Werke, Ausgabe zum zehnten Todestag des Dichters, Aegisverlag, Ulm, Illustriert und herausgegeben von Luigi Mailoiero, 1947

Fred Zollikofer von Altenklingen, geboren am 4. Januar 1898 in Hamburg; gestorben am 1. Juli 1937 in Berlin, Dichter, Schriftsteller, Dramaturg und Kritiker in Berlin. Er wurde 1936 inhaftiert und erkrankte 1937 so schwer, dass er an den Folgen in der Haft verstarb. Über seinen Tod heißt es: "Fred von Zollikofer wurde von den Nationalsozialisten wegen seiner politischen Überzeugung verhaftet. Wie sein Freund Luigi Malipiero in dem Gedächtnisband berichtet, infizierte man ihn im Moabiter Gefängnis vorsätzlich …" In der Haft schrieb Zollikofer seine sechs letzten Gedichte.

Schöne Erde! Wie dein reicher Segen
Unser Dasein neu und stark durchglüht!
Wie die blauen Himmel uns umhegen!
Blütenkelche brechen auf und regen
Sich als bunte Wunder, lichtumflutet.

Und ein Duft aus fernen Gärten weht
Von Holunder, Flieder und Jasmin.
Und wir träumen, dass die Zeit vergeht,
Dass das Tor der Heimkehr offen steht
Und wir fort in freien Frieden ziehen.

Möge dann ein Stern das harte Leben
Still bestrahlen, heilen unsere Wunde.
Möge sich der Augenblick ergeben,
Wo wir tief vor Seligkeit erbeben
Durch ein Wort aus langentbehrten Munde.

(Das letzte Gedicht. 10. Januar 1937)

Das Bild ist von Akseli Gallen Kallela (1865 – 1931)


Lessie Sachs: Nachtgedicht

 



Nachtgedicht

Die Stille, die mich jetzt umfängt,
Ist tiefer, als im Grab.
Und was am Tag mich eingeengt,
Was mich bedroht hat, und bedrängt,
Sinkt da hinab, fällt von mir ab,
Hinunter und hinab.

Und alles, was mir heut geschah,
Scheint jetzt nicht wesentlich.
Da war sehr viel, viel ging mir nah,
Nun ist es still. - Die Nacht ist da.
Ich atme und bewege mich,
Die Nacht ist da und ich.

Die Nacht schaut schweigend zu mir hin,
- Nichts lockte und nichts rief.
Und was ich habe, was ich bin,
Verliert an Wert, verliert an Sinn
- Die tiefe Nacht beruhigt tief. . . -
Die Zeit stand still und schlief.

Lessie Sachs, aus: Monatsblätter, Kulturbund deutscher Juden, 2. Jahrgang, Nr. 4, April 1934

Lessie Sachs, geboren am 5. September 1897 in Breslau, gestorben Anfang 1942 in New York City/ USA, Dichterin und Malerin.

Dienstag, 2. Dezember 2025

Emmy Hennings zu Hermann Hesses Glasperlenspiel (Drei Variationen)

 



Zum „Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse


So wie ein Vogel frei im Schweben
Mit sich empor den Himmel trägt,
So mag der Dichter sich erheben
Im Flügellied. Die Schwingen beben

Wie um den Turm ein Flügelpaar.
Wie eine Taube, welche singt,
Singt holde Weisheit hell und klar,
Die sich in lichte Höhen schwingt.

Wer gab den Dingen Maß und Ziel,
Vermied im Lied das Ungefähre?
Ach, es befreit ein göttlich Spiel
Den Lauscher aus der Erdenschwere.

O, werben um das Namenlose,
Das sich dem Liebenden ergibt,
Es haucht der Duft der fremden Rose:
Von jeher hab ich dich geliebt.

In Gleichnissen ist hier gestaltet
Der Glaube an die Zaubermacht
Des Geistes, der noch siegreich waltet
Als Hoffnungsstern in dunkler Nacht.

Dies liest sich schön wie eine Mythe
Von eines leisen Daseins Sinn.
Gibst du dich willig diesem Spiele hin,
Blickt sie dich an, die Wunderblüthe

Und spricht für dich: ich war, ich bin. . .


Zum „Glasperlenspiel“

Verwandlung, Spiel, das uns bewegt
So wie ein Vogel frei im Schweben
Mit sich empor den Himmel trägt,
So mag der Dichter sich erheben
Im Flügellied. Die Schwingen beben,

O, Wunder Kraft, bist du das Blut,
Das sich verwandelt hat in Geist,
Sich hingibt voller Lebensmut
Und ewig nur um Schönheit kreist.

Wie um den Turm ein Flügelpaar.
Wie eine Taube, welche singt,
Singt holde Weisheit hell und klar,
Die sich in lichte Höhen schwingt.

In vielen Gleichnissen gestaltet
Der Glaube an die Zaubermacht
Des Geistes, der noch siegreich waltet
Als Hoffnungsstern in dunkler Nacht.

O, schön ist dies, wie eine Mythe,
Die wir schon fast versunken wähnten,
Die blaue Blume, Wunderblüte,
Die wir oft suchten und ersehnten.


Zum Glasperlenspiel

Als wär es dies, was wir erstrebten,
In unsern fernen, vagen Träumen,
Was wir vor Ewigkeiten lebten,
Mit leisem Heimweh nur umsäumen.

Des Lebens Ruf ist nicht verklungen.
Die Schönheit ist des Dichters Braut,
Die ihm vom Göttlichen gesungen,
Ihm ihr Geheimnis anvertraut.

So kennt er wohl den fremden Riegel,
Der unsere Seele neu erschließt.
Er gleicht dem Taucher unterm Meeresspiegel,
Der manchmal nicht zu sehen ist.

Er steigt hinab bis auf den Grund,
Wo jede Perle schimmernd schlief,
Die einmal nach dem Dichter rief.
Sie strömt als Lied von seinem Mund.

Ein Rätselspiel hält uns im Bann.
Wie können wir das Spiel verstehn?
Mit Blumenaugen siehts uns an.
Wir haben nur den Blick gesehn,

Der uns mit Ehrfurcht hat erfüllt.
Es gibt der Gleichnisse gar viel.
Das Namenlose aber ruht verhüllt.
Es träumt in einem Perlenspiel.

Emmy Ball-Hennings, maschinengeschriebenes Skript aus dem Nachlass, Schweizerische Nationalbibliothek, datiert 24. Juli 44

Nach eigenen Angaben hat HermannHesse Ende 1930 mit der Arbeit an seinem Opus magnum begonnen. Am 29. April 1942 schloss er diese ab, im Februar 1943 arbeitete er aber nochmals ein Kapitel um. Am 18. November 1943 erschien die Erstausgabe in zwei Bänden in Zürich, nachdem Peter Suhrkamp vom deutschen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda im Sommer 1942 ein definitives Druckverbot für den S. Fischer Verlag erhalten hatte.

Emmy Hennings, geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg; gestorben am 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano, Dichterin, unter anderem Mitbegründerin des legendären Cabaret Voltaire 1916 in Zürich. Um 1920 begann die Freundschaft von Emmy Hennings, Hugo Ball, ihrem Ehemann, und Hermann Hesse, die auch über Hugo Balls Tod anhielt.

„Niemals hat die Dichterin auf der Sonnenseite gelebt und es leicht gehabt, vielleicht hat sie es auch niemals ernstlich sich gewünscht. Sie lebt lieber unter den Kämpfenden, Armen, Bedrückten, sie liebt die Leidenden, sie fühlt für die Verfolgten und Rechtlosen. Sie bejaht das Leben auch in seiner Härte und Grausamkeit und liebt die Menschen bis in alle Verirrung und Not hinein.“ Hermann Hesse über Emmy Hennings

Sonntag, 30. November 2025

Charlotte Wohlmuth: Wo schläft dein Blut?

 



Wo schläft dein Blut?


Wo schläft dein Blut?
Starb es mit deiner Mutter,
Oder welkte es im fremden Atem eines Mädchens? . . .
Du kannst mich nicht bereiten.
Mein Blut kann nur in Erde reifen. . .
Aber deine Blicke sind nicht Schollen:
Sie kommen vom Grabe deiner Mutter,
Oder aus dem fremden Atem eines Mädchens.

Charlotte Wohlmuth, aus: Die Aktion, 7. Jahrgang, 19. Mai 1917

Charlotte Wohlmuth, eigentlicher Name Stefanie Oesterreicher. Lebte in Berlin. Veröffentlichte 1917/18 vier Gedichte in der Aktion. (geboren 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet)

Das Portrait von ihr malte 1920 der Künstler Heinrich Ehmsen (1886 - 1964)

Donnerstag, 13. November 2025

Hertha Kräftner: Geh ohne Mantel und vergiss. . . / Sonett an deine Hände

 




Geh ohne Mantel und vergiss . . .

Geh ohne Mantel und vergiss,
was deine Heimat war.
Erfahre früh, daß nur der Riß
der Welten dich gebar
und daß du selber Zwiespalt bist,
ein Ding aus Traum und Zeit.
Und wenn die Liebe unterwegs dich küßt,
dann gehst du doppelt weit.


Sonett an deine Hände

Ihr seid ein schmaler Weg, ganz mondenweiß,
auf dem die Sehnsucht durch die Nächte geht,
und wie der Stern, der über blauen Wäldern steht,
drängt ihr die Angst aus eurem Kreis.

Vor eurer Süße werden Mädchen blind und heiß
und sinken in euch wie in ein Gebet;
und wie der Wind, der aus der Ferne weht,
verschenkt ihr Dinge, deren Namen man nicht weiß.

Ihr seid von blassem Samt ein Kissen,
wie die, auf denen Königinnen gar
den Stolz in Demut wandeln müssen.

Und seid ein bleiches Gift, doch süß und klar,
daß, die es tranken, dann noch lächeln müssen,
wenn sie der Tod schon nimmt an ihrem Haar.


„Noch nie fühlte ich die Bedeutung der Hände so sehr.
Die Hände der Liebenden leben ein eigenes Leben. Und wenn der Mund der Rand der Seele ist, so sind die Hände der Liebenden die Schale, darin sie ruht.
Und wenn ihre Hände sich berühren, so ist es, als ob der Inhalt zweier Schalen ineinander fließe.“


Aus einem Brief an Otto Hirss vom 17. 11.1947

Aus: Hertha Kräftner Kühle Sterne
Gedichte, Prosa, Briefe
Aus dem Nachlaß herausgegeben von Gerhard Altmann und Max Blaeulich
Mit zwei Nachworten, Wieser Verlag 1997

Hertha Kräftner, geboren am 26. April 1928 in Wien; gestorben am 13. November 1951 ebenda

Sie wuchs im burgenländischen Mattersburg auf, 1947 zog sie nach Wien In den literarischen Kreisen der österreichischen Hauptstadt erlangte sie bald Anerkennung und fand sich im Oktober 1948 erstmals gedruckt: Hermann Hakel, Kräftners erster literarischer Förderer, veröffentlichte in seiner Zeitschrift Lynkeus ihr Gedicht „Einem Straßengeiger“.

1950 trat sie mit dem literarischen Zirkel um Hans Weigel im Café Raimund in Verbindung, sprach und korrespondierte mit Schriftstellern wie René Altmann, H.C. Artmann, Gerhard Fritsch, Friederike Mayröcker, Jeannie Ebner und Andreas Okopenko, die in der Zeitschrift Neue Wege publizierten. Auch Kräftners Werke erschienen dort und in anderen Blättern, z. B. Stimmen der Gegenwart, wurden im Wiener Volksbildungshaus Urania sowie im Rundfunk vorgestellt.

Trotz dieser ersten schriftstellerischen Erfolge fühlte sich Kräftner unverändert einsam und traurig. Im August 1950 flüchtete sie nach Paris zu Marguerite Rebois, die sie in Norwegen kennengelernt hatte. Es gelang ihr, sich ein wenig zu zerstreuen, so dass sie dort eine nach eigenen Aussagen sehr glückliche Zeit verbrachte. Unter diesem Eindruck entstand das "Pariser Tagebuch", das von der Zeitschrift Neue Wege 1951 mit dem Prosapreis gewürdigt wurde. Außerdem begann sie, auf Anregung Frankls an ihren „Notizen zu einem Roman in Ich-Form“ zu arbeiten. Dieser Roman blieb jedoch Fragment. Auch ihre 1949 begonnene Dissertation zum Thema „Die Stilprinzipien des Surrealismus, nachgewiesen an Franz Kafka“ schloss sie nicht ab.

In der Nacht vom 12. auf den 13. November 1951 nahm sie sich mit einer Überdosis Veronal das Leben.

Samstag, 8. November 2025

Hugo Sonnenschein, aus: Erde auf Erden

 


                                                              Welt, Gott, Liebe, Krieg und Sterben:
                                                              vollbracht, erträumt, zerdacht, gesagt,
                                                              immer nur Erde auf Erden.


Stäubchen stürz ich der Ewigkeit zu

Der Dinge Gewirr ist Gottes Gebot,
ich bin der Narr, den Tanz der Welt zu erzwecken
aus verzweifeltem Leid in fröhlichen Tod,
mein Weg um den Weg will das Nichts entdecken.

Teilchenteil aus Technik, Kultur;
wirble durch Unrast in endliche Ruh,
Mensch zog Grenzen und baute die Uhr,
einmal macht Gott die Augen mir zu.


Antwort auf Gott

Die Welt war Christus der Tragik verfallen;
ich hab die Tragik aus der Welt gelöscht.

Die Wellen überstürzen sich,
Blut und Erde und Himmel in Strom,
Sterne, des Weges zweckbar bewegtes Geschehn,
ewiges Leben, überall Tod,
Tage sind immer, ein Tag vergeht,
Nacht bleibt ruhn und Nächte fliehn,

was raunt der Zeit in die Stille sein Nein,
wer spricht dem Sterben im Raum ein Ja!?


Freunde

Fels, der neben mir in Raum und Wetter ragt:
Welle, die uns umspielt, durchbraust, benagt;

Wanderer, der mit mir ins Weite geht;
Hauch, Wind, Sturm, der uns beweht;

Wurzel wie ich, tragen wir einer Krone Last:
Erdreich, das uns nährend umfaßt.


Ahnung in der Zeit

Wer Deine Nächte wandernd erlebt,
kennt Deinen Tag,
der Nächte durchwebt:
im Takt der kreisenden Räder bebt
der Erdball
Tag und Nacht: Ursang ist erwacht,
klagende jauchzende Unrast
singsangsingt,
singt Tat, Arbeit klingt
von Pol zu Pol ohne Erlösung:
Lärm, Bewegung,
Musik.

Schmerz erkannt,
wortgebannt,
der Erde Schmerz, der nie verstummt,
wie Draht, gespannt über Herden und Maschinen,
verdammt, zu dienen,
summt, summt,
verdammt zu dienen,
wie wir:
Zeit im Hymnus der Göttlichkeit.

Im Schein der Essen,
die Blut sind und Rosen,
sind wir gesessen,
verkauert, o Herr!
Blind.

In klingender Ferne
brüderlich Wind und Sterne,
in der Welle ewiges Sein …

Die Stille,
immer hat Stille Deinen Schritt gehört:

Hämmer schweigen; Kessel barsten,
Feuer erlosch; und Wasser, Geschöpf und Luft ist stumm,

es schlagen die Pulse der Ewigkeit.


Aus: Hugo Sonnenschein, Erde auf Erden, Verlag Ed. Strache Wien · Prag · Leipzig 1920



Hugo Sonnenschein, geboren am 25. Mai 1889 in Gaya, Österreich-Ungarn, gestorben am 20. Juli 1953 in Mirov, Tschechoslowakei, er schuf expressive Gedichte mit volksliedhaften Zügen. In seinen Gedichten stilisierte er sich selbst zum „Bruder Sonka“. Von 1911 bis 1914 zog er als Vagabund durch Europa. 1934 wurde er aus Österreich ausgewiesen. 1940 wurde er von den Nazis im Gefängnis Pankrác inhaftiert und 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und 1945 befreit. Seine Frau wurde in Auschwitz-Birkenau ermord
et.

Freitag, 7. November 2025

Thekla Lingen: Müde

 



Müde

Hab so wund gelaufen meine Füße
auf dem weiten Wege nach dem Glück –
lachend lief ich aus, um es zu suchen,
schlich nach Haus mit tränenschwerem Blick.

Sah wohl wunderseltsam lichte Blumen,
sah sie wohl an meinem Wege stehn,
habe sie mit raschem Fuß zertreten,
musste eilen, musste weitergehn.

Weitergehn, die eine nur zu finden,
die in trügerischer Ferne winkt
und mit ihren buhlerischen Düften
unser Herz zur Schuld und Sünde zwingt.

Hab so wund gelaufen meine Füße
auf dem weiten Wege nach dem Glück –
lachend lief ich aus, um es zu suchen,
kam so müde, kam so still zurück …

Thekla Lingen (1866 – 1931), aus: Am Scheidewege, Schuster & Löffler, Berlin und Leipzig, 1898

Thekla Lingen, eigentlich Tekla Johanna Müller, verheiratete Lewy und Flemming (geboren am 18. März 1866 in Goldingen/Kurland; gestorben am 7. November 1931 in Berlin-Wittenau.

Ein erster Gedichtband erschien 1898 in Berlin und wurde stark beachtet. Nach einer zweiten Gedichtsammlung und einem Novellenband in den Folgejahren gab sie die publizistische Tätigkeit auf, sie starb 1931 in den Wittenauer Heilstätten.

Zwischen 1900 und 1914 wurden einige ihrer Gedichte von Franz Dannehl, Franz Bachmann und Alexander von Zemlinsky vertont.


Dienstag, 4. November 2025

Clementine Krämer: Vorfrühling, Wir sehnen uns nach unsrer Seele heim, Lang lag ich tot. . .

 



Wir sehnen uns nach unsrer Seele heim

Wir stehen alle draußen Tag für Tag
So jede Stunde, jeden Augenblick
Und sehnen uns nach unsrer Seele heim.

Nach diesem stillen, kühlen Seelendom
Wo Hingegebensein und Sichverlieren ist,
Wo Sichverlieren und Sichfinden ist,
Wo wir gelöst, wo wir gebunden sind. . .

Ruhn wir in uns? - wir unruhn in der Zeit
Und finden heim nicht in der Seele Dom.


Lang lag ich tot. . .

Lang lag ich tot und war gestorben
Schon lange Zeit.
Da klang´s wie wehmutswundes Weinen
Wie ungestillter Tränen zitternd Leid.

So lag ich bang in meinem Schmerze
So grabesbang.
Bis sehnend es in leisem Weinen
Zu meinen wehen Wunden schluchzend sang.

Es war die Sehnsucht mein mir nachgepilgert
Sie blieb mir treu.
Und meine Augen weinten wie auf Erden. . .
Und auch mein Herze weinte mit auf´s neu´

Wie schlug es bang und tränenschwer und bebend
In tiefem Leid. . .
Und brach dies Herz in bitter wehem Sehnen. . . .
Und war gestorben doch schon lange Zeit . . .

Clementine Krämer, aus einer Sammlung unklassifizierter Gedichte, 1940, Clementine Kraemer collection, 1894-1963, Leo Baeck Institute New York

Clementine Sophie Krämer, geborene Cahnmann; geboren am 7. Oktober 1873 in Rheinbischofsheim; gestorben am 4. November 1942 im KZ Theresienstadt, deutsch-jüdische Schriftstellerin des frühen 20. Jahrhunderts, die neben ihren schriftstellerischen Tätigkeiten sich auch als Feministin, Sozialaktivistin und Pazifistin engagierte. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war sie zunehmend in Vergessenheit geraten. Doch mit dem wiederbelebten Interesse an der deutsch-jüdischen Geschichte, besonders der der Vorkriegszeit, wächst auch das Interesse an ihren Schriftstellern, deren Werke wichtige Aufschlüsse über die Zustände und Spannungen ihrer Zeit geben. (Wiki)



Montag, 3. November 2025

Clara Ratzka: Komm, lass uns wandern, Geliebter! / Liebe. / Abendregen.

 



Komm, lass uns wandern, Geliebter!

Über die blühende Erde spannt sich des Glückes goldener Bogen,
die dunklen Vögel sind fortgezogen - lass uns wandern!

Mich streifte der Schicksalshauch ihrer Schwingen,
mein Herz will wieder lachen und singen,
inbrünstig umfassen, was blüht und klingt.

Es sehnt sich nach Wolken, Blumen und Bäumen,
nach wallenden Flüssen und nach den Träumen,
den süßen, die in der Dämmerung schweben.

Es sehnt sich nach dem heiteren Leben
das frei wie ein kristallenes Lied
durch die Herzen der Liebenden zieht!


Liebe.

In den Zaubermantel deiner Liebe
hülle fest mich ein,
dass ich von dem Weltgetriebe
nichts mehr spüre -
- - - - - - - - - - - - - - - - -
nichts mehr spüre
als den warmen Herzschlag unsrer Liebe.


Abendregen.

Vom warmen Regen eingehüllt
sind Felder, Wege und Bäume
ich horche wartend, flehend hinaus -
weshalb kommen sie nicht, die Träume,
die zaubervollen, die uns die Sonne gesungen,
der See und das klingende Blau,
die tief aus unfasslichem Urgrund entsprungen,
ein Wunderwerk in den herrlichen Bau
des großen Weltalls,
das Gott uns gegeben!
Wo ist das starke heilige Leben,
das sieghaft die grauen Formen durchbricht?
Ich sehe es nicht.
Tropfen um Tropfen,
warm wie Blut,
rinnen über mein armes Gesicht.

Clara Ratzka, aus dem Nachlass, maschinengeschriebene Manuskripte, Stadtarchiv Münster 

Clara Ratzka, geboren als Klara Ernst am 4. September 1871 in Hamm, gestorben am 3. November 1928 in Berlin, Schriftstellerin, sie schrieb Romane, Reiseberichte und Gedichte.

Als Kind zeigte schon früh einen gewissen Hang zur Wildheit und Ausgelassenheit. Später schrieb Clara einmal, dass sie lieber als Junge auf die Welt gekommen wäre. Gern jagte sie Fantastereien nach. „Im übrigen war ich sehr unbändig, was sogar zu Prügeleien mit Jungens auf dem Domplatze ausartete, so dass meine ältere und sehr gesittete Schwester sich veranlasst sah, die Verwandtschaft mit mir zu verleugnen.“

„Soweit ich zurückdenken kann, war es meine größte Freude, zu phantasieren und mir selber und meinem Bruder Fritz Geschichten zu erzählen. Am liebsten saß ich dabei auf einem Baum. Es gab für mich nichts, was man schlicht hätte hinnehmen können, alles hatte etwas Besonderes und Buntes: ein eigenes Leben".

Zitiert aus: Liselotte Folkerts - Die westfälische Schriftstellerin Clara Ratzka Biografie Werk Rezeption Münster Privatdruck 2001

März 1911 heiratete Clara Ratzka in zweiter Ehe den ungarischen Künstler Arthur Ludwig Ratzka, einen bekannten Berliner Porträtmaler, und zog mit ihm nach Berlin-Wilmersdorf. Die Kontakte zu Malern, Musikern und Literaten erschlossen ihr ein neues Lebensumfeld, das sie schließlich selbst zur Schriftstellerei brachte. Das Ehepaar Ratzka ging häufig auf ausgedehnte Reisen, die sie unter anderem in die Schweiz, nach Italien, Litauen und Finnland führten; später bereiste sie die entferntesten Winkel der Welt. Von dort schickte sie zwischen 1910 und 1928 unzählige Reiseberichte nach Deutschland, die in vielen Tageszeitungen veröffentlicht wurden.

Ihren ersten Roman Blaue Adria schrieb Clara Ratzka während des Ersten Weltkriegs im Anschluss an eine Italien-Reise. Damit begann eine Phase intensiver literarischer Tätigkeit: Während der fast zehn Jahre dauernden Ehe mit Ratzka stellte sie zwei Romane im Jahr fertig. Ihr Ehemann übernahm das Lektorat und kümmerte sich um die Veröffentlichung ihrer Bücher. Ihre Themen fand Clara Ratzka in den sozialen Realitäten ihrer Zeit sowie in den Erfahrungen ihres eigenen Lebens. So warf sie in Familie Brake (1919) – ähnlich wie Thomas Mann in Buddenbrooks – einen kritischen und zugleich liebevollen Blick auf eine großbürgerliche Familie des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Spätestens mit diesem Roman gelang ihr der schriftstellerische Durchbruch. Sie avancierte zu einer der meistgelesenen deutschen Autorinnen der 1920er Jahre. Renommierte Verlage wie Ullstein und die Deutsche Verlagsanstalt verlegten ihre Werke, zum Teil in zehntausendfacher Auflage. Zwei davon wurden sogar kurz nach ihrem Erscheinen fürs Kino verfilmt: Die grüne Manuela (1923) und Das Bekenntnis (als Rutschbahn, 1928, mit Heinrich George). Weil vor allem in Ratzkas Romanen immer wieder starke Frauengestalten eine zentrale Rolle spielen, wurde sie als „Dichterin der Frauenschicksale“ bekannt.

Nach der Scheidung von Arthur Ludwig Ratzka heiratete Clara 1922 einen Studienfreund, den promovierten Juristen und Diplomaten Ernst Wendler. Mit ihm lebte sie ab 1923 mehrere Jahre in London, in Paris und zuletzt in Berlin-Zehlendorf. 1927 unternahm sie im Auftrag des Berliner Scherl-Verlags mit dem Dampfschiff „Resolute“ eine Weltreise. In deren Verlauf besuchte sie auch ihren zweiten Ehemann, der mittlerweile in New York lebte und weiterhin ihre Manuskripte betreute. Im Alter von 57 Jahren nahm sich Clara Ratzka am 3. November 1928 in Berlin das Leben. (Wiki)