Samstag, 31. Oktober 2026

Willy Küsters: Oktoberende, Alfred (Alfons) Petzold: Herbstlicher Tag, Albert Ehrenstein: Herbst, Kurt Schwitters: Herbst

 



Oktoberende


Fern schwinden grüne Hügelketten,
Die gestern froh das Land umsäumt,
In fahlen, grauverwaschnen Tönen.
Was ich erstritten und erträumt,
Will sich in müde Ruhe betten
Und alle Dinge still versöhnen.

Willy Küsters, aus: Die Aktion 23. 10. 1912


Herbstlicher Tag

Weinberge reichen ihre Trauben
In das besonnte Land hinaus.
Zwei Rosawölkchen ziehn wie Tauben
Still über meinem Gartenhaus.

Der wilden Rebe Laub zerknittert
Und flattert auf des Weges Sand.
Das Lächeln eines Greises zittert
In der durchbrochnen Blätterwand.

Im horizontnen Vordergrunde
Fließt träge eines Flusses Schmelz -
Nachdenklich streich ich meinem Hunde
Marienfäden aus dem Pelz.

Alfred Petzold (Wien) aus: Prager Tageblatt, 25. 9. 1921, mit der Bemerkung: Aus einem Gedichtband „Einkehr“, zugleich mit den Gedichten „Das Buch von Gott“ im Verlag Strache, Warnsdorf erschienen.


Herbst

Schon sind meine Haare weiß:
aus der Höhe
fällt die Zeit
in Tropfen mir
auf meine Stirn,
von unten kommt
die Ewigkeit:
schläft der Fuß,
starrt zu Eis,
aufwärts, bis der Tod im Greis
Zeit vermählt
und Ewigkeit.

Albert Ehrenstein, aus der Zeitschrift Der Sturm, Jahrgang 1912/ 13, Seite 246


Herbst (1909)


Es schweigt der Wald in Weh.
Er muss geduldig leiden,
Dass nun sein lieber Bräutigam,
Der Sommer, wird scheiden.

Noch hält er zärtlich ihn im Arm
Und quälet sich mit Schmerzen.
Du klagtest, Liebchen, wenn ich schied,
Ruht ich noch dir am Herzen.

Kurt Schwitters, aus der Zeitschrift Der Ararat, München, Januar 1921, nach seinem Artikel Merz, geschrieben für den Ararat, 19. Dezember 1920 angehängt mit den Worten: „Ich möchte noch einige unveröffentlichte Gedichte anhängen.“ Die weiteren angehängten Gedichte zeigen den Dadaisten Kurt Schwitters, wie er bekannt ist.


Willy Küsters , geboren am 2. August 1888 in Duisburg; gestorben am 1. September 1949 in Friedrichshafen, Schriftsteller. Willy Küsters war in erster Linie Lyriker; seine Gedichte sind dem Expressionismus zuzurechnen und erschienen in der Zeit vor 1914 und während des Ersten Weltkriegs ausschließlich in Zeitschriften der expressionistischen Bewegung wie Pfemferts „Aktion“. Von 1932 bis 1944 war er als Buchhändler in Friedrichshafen tätig.

Alfred Petzold, das ist Alfons Petzold, wohl ein Versehen der Redaktion. Alfons Petzold, geboren am 24. September in Fünfhaus, gestorben am 25. Januar 1923 in Kitzbühl, österreichischer Schriftsteller und Arbeiterdichter.

Albert Ehrenstein, geboren am 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; gestorben am 8. April 1950 in New York, Lyriker und Erzähler. 1910 wurde er durch das Gedicht Wanderers Lied, das Karl Kraus in der Fackel veröffentlichte, über Nacht bekannt. Das Gedicht ist dem gerade beginnenden Expressionismus zuzurechnen. 1911 erschien Ehrensteins Erzählung Tubutsch mit Illustrationen seines Freundes Oskar Kokoschka. Durch Kokoschka kam er in Kontakt mit Herwarth Walden und veröffentlichte in der Folge in dessen Zeitschrift Der Sturm, später auch in Franz Pfemferts Zeitschrift Die Aktion. Schnell wurde Ehrenstein zu einer der wichtigsten Stimmen des Expressionismus. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden seine Bücher auf den Scheiterhaufen geworfen. Sein Exil führte ihn über die Sowjetunion, die Schweiz, Frankreich bis er 1941 schließlich von Spanien aus mit einem Notvisum in die USA ausreisen konnte.

Kurt Schwitters, geboren am 20. Juni 1887 in Hannover; gestorben am 8. Januar 1948 in Kendal, Cumbria, England; Maler, Dichter, Raumkünstler und Werbegrafiker, der unter dem Kennwort Merz ein dadaistisches „Gesamtweltbild“ entwickelte. Sein Werk umfasst die Stilrichtungen Konstruktivismus, Surrealismus und Dadaismus, dem sie aber nur durch Gegensätzlichkeit ähnlich waren. Aus heutiger Sicht zählt Schwitters zu den einflussreichsten Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts.

Von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemt, emigrierte Schwitters im Januar 1937 nach Norwegen, wo er schon in den Jahren zuvor die Sommermonate verbracht hatte. Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen floh er 1940 nach England.


Das Bild ist ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Les feuilles mortes“ von Ernest Biéler (1863 - 1948)

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