Mittwoch, 18. Juni 2025

Marianne Dora Rein: Stiller Tag

 



Stiller Tag

Silbern rinnt des Wassers Kühle,
lautlos rauscht die Mittagsschwüle,
und dazwischen
flüstert Wind in den Gebüschen.

Hingelagert ruht die Herde.
Wollnes Vlies schmiegt sich zur Erde.
Über Gräsern
schwebt der Himmel hoch und gläsern.

An den Halmen paarweis hangen
Falter, die sich spielend fangen:
Bunte Waage,
schwer von Liebe, schwer vom Tage.

Abendröte kommt geflossen,
Blumenkelch hat sich geschlossen.
In der Ferne
blinken auf die ersten Sterne.

Marianne Dora Rein, aus: Vier Gedichte, in Der Morgen, Zweimonatschrift der Juden in Deutschland, herausgegeben von Julius Goldstein, Philo-Verlag, Berlin, Heft 5 August 1938

Marianne Dora Rein, geboren am 2. Januar 1911, war eine junge hoffnungsvolle jüdische Dichterin aus Würzburg. Am 27. November 1941 wurde Marianne Rein zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert. Der Transport ging über Nürnberg nach Riga. Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen. Von den im November 1941 aus Franken nach Riga Deportierten haben, soweit bekannt, zwei Personen überlebt.

Das Bild ist von Paul Ranson (1864 - 1909)


Dienstag, 17. Juni 2025

René Schickele: Primavera

 



Primavera

Die Politik des Herzens, sagt, wie nenn ich sie?
Den Geist. Verwirklichung des Herzens? Utopie.

*
Ihr meint, da sei ich weit entfernt von diesen Zeiten?
Seht, wie die Herrn von gestern Arme breiten
Und möchten in die bessre Welt eingehn,
Ein Wind aus Rosenhagen ihrer Narben,
Um reich an Demut wehrlos zu bestehn,
Die elend sie in ihrer Rüstung starben.

René Schickele, aus: Die weißen Blätter, der Novemberausgabe 1918 vorangestellt.

Die weißen Blätter waren eine Monatsschrift, die in ihrem Erscheinungszeitraum von 1913 bis 1920 zu einer der wichtigsten Zeitschriften des literarischen Expressionismus wurde.

1915 übernahm René Schickele die Herausgabe. Von 1916 bis 1917 gab der Verlag Rascher in Zürich die Zeitschrift heraus, 1918 der Verlag der weißen Blätter in Bern, von 1919 bis 1920 publizierte Paul Cassirer die Zeitschrift in Berlin.

René Schickele (1883 – 1940); Dichter aus dem Elsass, setzte sich nach dem ersten Weltkrieg engagiert für die deutsch-französische Aussöhnung ein. Schon 1932 ahnte er, was sich in Deutschland anbahnte und emigrierte nach Südfrankreich. Dort lebte er, bis er einige Monate nach Einmarsch der Wehrmacht am 31. 1. 1940 an Herzversagen starb. Auch seine Werke wurden von den Nationalsozialisten den Flammen übergeben.

Das Foto zeigt den Autor auf der Rheinbrücke in Neuenburg /Literaturmuseum Badenweiler 

Montag, 16. Juni 2025

Rudolf Fuchs: Der Flüchtling

 



Der Flüchtling

Das Haus war starr von Nacht und scharfen Waffen,
und Brandgeruch belagerte den Zaun,
als er, das Schicksal sich vom Hals zu schaffen,
sich unter blasse Sterne konnte traun.
Und als die Schritte langsamer sich fanden
und böser Aufruhr wie ein Traum verblich,
erblickte er sich bange auferstanden,
und seine wehen Worte sangen sich:

„Wie vieles nannt ich Du vor diesen Tagen!
Und wieder harrt die Pforte angelweit,
nichts wehrt mir, mich mit Kränzen umzutragen
für Mädchen, Himmel, Baum und Abendzeit,
für bunte Fahnen, die im Taumel wehen
und für die Schatten, welche immerzu
den Feiertagen sich entgegendrehen -
Ich aber zu mir selber sage: Du!“

Und also ausgestoßen aus der Mitte
berührte er den steilen Küstenstrich,
Gerölle taumelte um seine Schritte,
und unten schrie die Brandung.
Dem Sturme überließ er seine Schwelle
(die arme Wohnung atemlos und leer)
und mündete im Augenblick der Welle
aus seiner Wunde in das große Meer.

Rudolf Fuchs, aus: Die weißen Blätter, Dezember 1916

Rudolf Fuchs, geboren am 5. März 1890 in Poděbrady, Mittelböhmen, Österreich-Ungarn; gestorben am 17. Februar 1942 in London war deutsch-tschechoslowakischer Dichter und Übersetzer. Sein erster Gedichtband erschien 1913 in Heidelberg, bis zu seinem Tod im Exil in London, wo er bei einem Bombenangriff starb, sollten noch zwei weitere folgen. Sein letzter war "Gedichte aus Reigate", dessen erstes Gedicht die "Variationen nach Heinrich Heine" waren. Dass er ausgerechnet am Todestag des von ihm verehrten Dichters selber starb, und auch im Exil, wenn auch nicht in Paris, sondern in London, ist vielleicht eine Ironie der Geschichte. . .

Die weißen Blätter waren eine Monatsschrift, die in ihrem Erscheinungszeitraum von 1913 bis 1920 zu einer der wichtigsten Zeitschriften des literarischen Expressionismus wurde.

1915 übernahm René Schickele die Herausgabe. Von 1916 bis 1917 gab der Verlag Rascher in Zürich die Zeitschrift heraus, 1918 der Verlag der weißen Blätter in Bern, von 1919 bis 1920 publizierte Paul Cassirer die Zeitschrift in Berlin.



Das Bild ist von John Macallan Swan (1846 - 1910)

Sonntag, 15. Juni 2025

Carl Wolff: Leg eine Muschel an dein Ohr / Franziska Stoecklin: Die singende Muschel

 



Leg eine Muschel an dein Ohr

Leg eine Muschel an dein Ohr,
wie Kinder tun und lächelnd lauschen —
du hörst der Wellen singenden Chor,
Du hörst das Meer
von altersher
noch immer leise rauschen.

So lebt in deinem Innern auch
von deiner Jugend Spiel und Singen
doch immer noch ein seliger Hauch.
Lausch' nur zurück,
du hörst das Glück
noch immer leise klingen.

Carl Wolff (1884 - 1938), aus der Sammlung „Auf stillen Wegen“ Gedichte. Verlag Chr. Adolff, Altona-Ottensen 1920


Die singende Muschel

Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.
Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.

Franziska Stoecklin, aus: Die singende Muschel, 1. Auflage 1925

Franziska Stoecklin, Lyrikerin, Erzählerin, Malerin, wurde am 11. 9. 1894 in Basel geboren und starb am 1.9.1931 ebendort.

1920 hatte sie einen ersten Gedichtband veröffentlicht. Es folgten zwei Bände mit lyrischer Prosa und 1925 ein weiterer Gedichtband Die singende Muschel. Die Themen ihrer Lyrik sind Traum, Liebe, Tod und Natur, wobei im ersten Band die Liebeslyrik dominiert, während im zweiten Band das Thema Tod in den Vordergrund tritt. Sie war unter anderem mit der Dichterin Emmy Hennings befreundet.

Das Bild ist von Étienne Adolphe Piot (1831 – 1910)

Freitag, 13. Juni 2025

Lisa Baumfeld: Rosen

 



Rosen


Es drängt mein Selbst, das blütenlose,
Voll Sehnsucht ewig nach der Rose,
Die schlank in blonde Lüfte taucht,
Und tiefe, süße Freude haucht!

Ich wollt' an ihrem Kelche singen,
Von Brisen, Thau und Schmetterlingen;
Und all das weite, bange Leben
Sollt' mich ein Rosenduft umschweben ...

Lisa Baumfeld, geboren am 27. April 1877 in Wien; gestorben am 3. Februar 1897 ebenda)

Lisa Baumfeld erkrankte schwer und verstarb innerhalb weniger Tage im Alter von 19 Jahren in Wien. Postum gab Ferdinand Groß 1899 eine Sammlung ihrer Gedichte unter dem Titel Gedichte heraus.

Donnerstag, 5. Juni 2025

Margarete Beutler: Abwehr

 


Abwehr

Wer bin ich, daß sich tausend Hände strecken,
Begehrliche und grobe Männerhände,
Nach meinem Leib, der nur zu blühen trachtet,
Selig zu blühen, wenn der Geist ihn segnet,
Und seine goldene Zeit sich still erfüllt! -

Wer bin ich, daß sich tausend Hände strecken,
Gierige und verschmutzte Alltagshände,
Nach meiner Seele, die der Feinsten eine,
Die mit dem Grase zittert unterm Weste,
Und Andacht hält in einem Lerchenliede! -

Aus: Neue Gedichte von Margarete Beutler
Bruno Cassirer Verlag Berlin 1908

Margarete Beutler, geboren am 13. Januar 1876 in Gollnow, Provinz Pommern; starb am 3. Juni 1949 in Gammertingen auf der Schwäbischen Alb. Sie wirkte als Lyrikerin und Übersetzerin aus dem Französischen. In den Schriften zum „Café Größenwahn“ und zum „Romanischen Café“, wo sie gerne verkehrte und bekannt war, wird erwähnt, dass sie 1925 „verschollen“ sei. Nach der Geburt ihres Sohnes lebte sie mit ihrem Mann, Friedrich Freksa, einem Roman- und Krimiautor, in München. Beutler war unter aanderem befreundet mit den Autoren Christian Morgenstern und Frank Wedekind. Nach ihrer Scheidung lebte sie zurückgezogen. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten entschied sie sich gegen einen Eintritt in die Reichsschrifttumskammer. Sie zählte sich selbst zur Bohème. Gedichte aus ihrem ersten Gedichtband (1902) sind auch in die Gedichtsammlung Lieder aus dem Rinnstein von Hans Ostwald (Hrsg.) aufgenommen worden.

Montag, 17. März 2025

Käthe Leichter: An meine Brüder in den Konzentrationslagern

 


An meine Brüder in den Konzentrationslagern

Bruder, stehst auch Du des Morgens frierend beim Appell
Wir stehen stumm in Zehnerreihen, im Osten wird es langsam hell,
Steil ragt der Wald, wir atmen die Luft in vollen Zügen,
Um Kräfte zu sammeln für den Tag, denn keiner von uns will unterliegen.
Da flammt’s im Osten seltsam auf, als stünde die Welt in Flammen,
Wir nehmen es als gutes Zeichen – bricht wirklich bald alles zusammen?

Und dann stehen wir wieder stumm, nur die Fäuste geballt,
Ich in Ravensbrück, du in Sachsenhausen, Dachau oder Buchenwald.
Bruder stehst auch Du des Tags mit der Schaufel in der Hand?
Wird es denn nicht Mittag, nimmt denn heut kein Ende der Sand?
Oder schleppst auch Du wie ich große, schwere Steine?
Schmerzt auch Dich der Rücken, brennen Dir Arme und Beine?
Sieh, Du bist doch Mann, bist gewohnt ans harte Schlagen,
Ich bin schwächer, und mein Leib hat Kinder schon getragen.
Wie denkst Du, Bruder, über sie, über unser Kinder Leben?
Werden Schläge und Strafblock stets als Ordnung darüber schweben?
Ach, schon geht es weiter – doch im Herzen Hoffnung und Halt,
Ich in Ravensbrück, Du in Sachsenhausen, Dachau oder Buchenwald.

Oh, Bruder, einmal kommt der Morgen, wo uns kein Appell mehr hält,
Wo weit offen die Tore, und vor uns liegt die große, freie Welt,
Und dann werden wir KZler auf der breiten Straße wandern,
Draußen stehn die Befreier, auf uns warten schon die andern,
Und wer uns sieht, sieht die Furchen, die das Leid uns ins Antlitz geschrieben,
Sieht Spuren von Körper- und Seelenqual, die uns als Mal geblieben.
Und wer uns sieht, sieht den Zorn, der hell in den Augen blitzt,
sieht den juchzenden Freiheitsjubel, der ganz unsere Herzen besitzt.
Und dann reihen wir uns ein in die letzte große Kolonne,
Dann heißt es zum letzten Mal „Vorwärts marsch“ –
doch dann führt der Weg zum Licht und zur Sonne.
Oh, Bruder, siehst Du gleich mir diesen Tag, Du mußt doch denken, er kommt bald-
Und dann ziehen wir, ich aus Ravensbrück, Du aus Sachsenhausen, Dachau oder Buchenwald.

Käthe Leichter (* 20. August 1895 als Marianne Katharina Pick in Wien; † 17. März 1942 in der NS-Tötungsanstalt Bernburg, Deutsches Reich) war eine österreichische Sozialwissenschaftlerin, sozialistische Gewerkschafterin und Gründerin und Leiterin des Frauenreferats der Wiener Arbeiterkammer.