Mittwoch, 7. Juni 2023

Joseph von Eichendorff: Mondnacht

 



Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt’.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff (1788 - 1857), schuf damit eines der bekanntesten (und beliebtesten) Gedichte deutscher Sprache, geschrieben um 1835, erstmals veröffentlicht 1837. Thomas Mann nannte es „die Perle der Perlen“, und Theodor W. Adorno empfand, „als wäre es mit dem Bogenstrich gespielt“. Die Lyrikerin Ulla Hahn meinte: „Innere und äußere Landschaft verschmelzen miteinander“. Peter Paul Schwarz sprach von „einer Verwandlung oder Verzauberung der Wirklichkeit“, und Wolfgang Frühwald von der „orphischen Melodie der Nacht“. (Wiki)

Das Bild ist von Henry Farrer (1844 - 1903)

Dienstag, 6. Juni 2023

Friedrich Hölderlin: Der Spaziergang

 



Der Spaziergang

Ihr Wälder schön an der Seite,
Am grünen Abhang gemalt,
Wo ich umher mich leite,
Durch süße Ruh bezahlt
Für jeden Stachel im Herzen,
Wenn dunkel mir ist der Sinn,
Den Kunst und Sinnen hat Schmerzen
Gekostet von Anbeginn.
Ihr lieblichen Bilder im Tale,
Zum Beispiel Gärten und Baum,
Und dann der Steg, der schmale,
Der Bach zu sehen kaum,
Wie schön aus heiterer Ferne
Glänzt einem das herrliche Bild
Der Landschaft, die ich gerne
Besuch′ in Witterung mild.
Die Gottheit freundlich geleitet
Uns erstlich mit Blau,
Hernach mit Wolken bereitet,
Gebildet wölbig und grau,
Mit sengenden Blitzen und Rollen
Des Donners, mit Reiz des Gefilds,
Mit Schönheit, die gequollen
Vom Quell ursprünglichen Bilds.

Friedrich Hölderlin, geboren am 20. März 1770, gestorben am 7. Juni 1843 (Gedichte 1806 - 1843)

Das Bild ist von Ferdinand Hodler (1853 - 1918)

Montag, 5. Juni 2023

Peter Baum: Die Rosen glühn / Weltfremd / Eiserne Brücken. . ., Else Lasker-Schüler: Peter Baum

 



Die Rosen glühn
                                                    
Die Rosen glühn so abendrot,
Die blauen Wipfel stehn geneigt
Vorm Hauch, der überm Dämmer geigt,
Die Rosen glühn so abendrot.

Dort, wo die Sonne niederging,
Noch ihre Totenfackel steht
Auf Gräsern, die der Wind zerweht,
Dort, wo die Sonne niederging.

Es schwebt ein schwarzer Schmetterling,
Wie eine Seele anzusehn,
Der möchte in die Fackel wehn,
Dort, wo die Sonne niederging.


Weltfremd

Tief ist die Sonne schon hinabgeloht.
Ein letztes Blinken überm Villendache!
Der Mond steht überm Sumpfe – scharlachrot,
Als stiege er aus einer blut’gen Lache.
Kein Windhauch geht, die Luft ist still und schwül,
Ein Nachen dämmert regungslos im Teiche.
Darüber schattet eine mächtige Eiche
Und spiegelt schwarz sich in dem Wasserpfühl.

Seltsame Stille! Als ein Kind ich war,
Nannt’ ich dich Heimat, und in Knabenjahren
Bin oft ich, wenn die Sonne müde war,
Im Abendglanze auf dem Teich gefahren;
Nun droht so geisterhaft mir tote Zeit,
Vergebens will ich altes Leben fassen –.
Nur mit dem Sphinxgesicht, dem toten, blassen,
Schaut kalt und fremd mich an die Einsamkeit.

Peter Baum, aus Gott - Und die Träume (1902) in Gesammelte Werke, Band 1, Ernst Rowohlt Verlag 1920

Eiserne Brücken, durch die Luft getragen,
Sind in der Nacht mit Lichtern ausgeschlagen.
Und der du Feind im fremden Graben stehst,
Im stillen Schnee in gleichen Träumen wehst.
Fremd zwischen Völkern, die sich mordend hassen,
Sind Menschen wir, die bei den Stirnen fassen.
Und über Schlangen, die die Tode schwingen,
Erhebt sich schweigend von uns gleiches Singen.

Peter Baum, aus: Schützengrabenverse. Verlag Der Sturm, Berlin 1916


Peter Baum

Er war des Tannenbaums Urenkel,
Unter dem die Herren zu Elberfeld Gericht hielten.

Und freute sich an jedes glitzernd Wort
Und ließ sich feierlich plündern.

Dann leuchteten die beiden Saphire
In seinem fürstlichen Gesicht.

Immer drängte ich, wenn ich krank lag,
„Peter Baum soll kommen!!“

Kam er, war Weihnachten –
Ein Honigkuchen wurde dann mein Herz.

Wie konnten wir uns freuen!
Beide ganz egal.

Und oft bewachte er
Im Sessel schmausend meinen Schlummer.

Rote und gelbe Cyllaxbonbons aß er so gern;
Oft eine ganze Schüssel leer.

Nun schlummert unser lieber Pitter
Schon ewige Nächte lang.

„Wenn ich Euch alle glücklich erst
Im Himmel hätte –“

Sagte einmal gläubig zu den Söhnen
Seine Mutter.

Nun ist der Peter fern bewahrt
Im Himmel.

Und um des Dichters Riesenleib auf dem Soldatenkirchhof
Wächst sanft die Erde pietätvoll.

Else Lasker-Schüler, aus: Gesammelte Gedichte, Verlag der weißen Blätter, Leipzig 1917

Peter Baum (* 30. September 1869 in Elberfeld; † 6. Juni 1916 bei Keckau/Riga)

In Berlin gehörte er von 1892 bis zur Auflösung des Dichtervereins 1898 dem „Tunnel über der Spree“ an. Seit 1898 stand Baum in Verbindung zum Autorenkreis um Peter Hille. Eine Freundschaft verband ihn mit Herwarth Walden, an dessen Zeitschrift „Der Sturm“ er mitwirkte. Baum war Mitglied der lebensreformerischen Vereinigung „Die Kommenden“ und stand der „Neuen Gemeinschaft“ nahe. Er galt als engster Vertrauter von Else Lasker-Schüler. Nach der Scheidung seiner ersten Ehe mit Johanna Mathilde Stivarius im Jahre 1913 war er mit der Künstlerin Jenny Boese verheiratet. Peter Baum, der sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges als Freiwilliger gemeldet hatte, „fiel“ 1916 im Baltikum.

In der Reihe Versensporn -  Heft für lyrische Reize, Edition Poesie schmeckt gut,  ist das Heft Nr. 15 dem Dichter gewidmet. 

Spuk

Und der Große im weißen Bart nimmt den Knaben auf seinen Schoß und lehrt ihn mit Namen nennen die Wunder der Luft – die Vögel, die dicht an den grauen Wolkenwäldern dahingleiten, und all die anderen Tiere, die man fängt und jagt. Und er lehrt ihn mit Namen nennen die Sträucher, die ihre Finger zusammenschließen, wenn ein Wind kommt und die Schmetterlinge, die morgens ihre Kelche ausbreiten, wie kleine auffliegende Himmel.

Und dann baut er dem Knaben noch eine Welt über dieser Erde auf – eine Welt, die aus Klängen und Buchstaben, über unsere Flüsse und Wälder hinweg – ein Riesenbau – in die Luft steigt.

Und Hans lernt und fasst mit seinem morgenjungen und doch geschlechteralten Hirn alles, was ihm verwandt ist und lässt alles Fremde wieder fortfliegen, wie Vögel aus der flachen Hand.

Manchmal sieht ihn der Alte bekümmert an: Wir sind altes Geschlecht. Wir mögen uns nicht mehr mühen. – – –

Hans wird das ganze Leben – die Wälder, Felsen, Flüsse und Kinder – zum Märchen, er selbst zum Zauberer.

Aus: Peter Baum: Spuk. Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin 1905

Sonntag, 4. Juni 2023

Thekla Mervin: Dämmerung

 



Dämmerung

Am Horizont verblasst das Abendrot,
Grau wird der letzte rosenfarb’ne Strich,
Nacht, Schlaf und Tod
Vermischen ihren Atem wunderlich.

Der Wind seufzt leise, und dann schweigt die Flur,
Unwirklich ist das Sein, sind ich und du,
Und allen Dingen bleibt nur die Kontur
… Seele, du wanderst fernen Tagen zu.

Du wanderst und du wanderst ohne Rast,
Bis sich der Schoß, der alle Pflanzen hält,
Dir öffnet, dir, der Erde flüchtigem Gast –
Dann wirst du selbst ein Teil der stummen Welt.

Du bist die Dryas, die im Dämmer nickt,
Der Bach, der durch den stillen Abend fließt,
Der Stein, der eine letzte Stätte schmückt,
Die Blume, die aus morschem Leibe sprießt.

Und tiefste Ahnung peinigt dich und droht,
Mit dunkeln Augen naht das Ewige sich
… Nacht, Schlaf und Tod
Vermischen ihren Atem wunderlich.

Thekla Mervin, aus: Neues Wiener Tagblatt, 15. Mai 1921

Thekla Merwin, österreichische Schriftstellerin, wurde am 25. April 1887 in Riga geboren.

1911 erschienen Merwins erste Publikationen, anfangs noch gezeichnet mit Thekla Merwin-Blech. Sie veröffentlichte Gedichte, Feuilletons, kurze Prosawerke und Dialoge in dutzenden Zeitschriften und Zeitungen, eine selbstständige Publikation kam jedoch nicht heraus. 1933 wurde sie Mitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. Thekla und Magda Merwin wurden am 24. September 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert. Mit dem Transport vom 19. Oktober 1944 wurden Mutter und Tochter ins KZ Auschwitz-Birkenau gebracht und am 20. Oktober 1944 in der Gaskammer des Krematoriums III ermordet.

Die Illustration ist von Charles Allen Winter (1869 - 1942)

Samstag, 3. Juni 2023

Georg Kaiser: Auf jedem Markt

 


Auf jedem Markt

Auf jedem Markte dies: das Mal des Unbekannten.
Wer aus des Hauses Sicherheit vorüberzieht,
soll immer so erinnert sein, des Ungenannten,
daß alles das mißlang, was euch so gut geriet.

Er strich auf wehen Sohlen durch die kalten Straßen
und sucht´ ein kaltes Lager auf dem harten Stein -
er wagte nie die Bitte, ihn doch einzulassen
und euer lieber Nächster eine Nacht zu sein.

Ihr saßet dreimal satt an den bedeckten Tischen
und voll Behagen rundum im erwärmten Raum -
und da er zögernd pochte, war es von den Fischen
der Rest, den ihr verschmäht, ihm reichtet, kaum.

Er war nur einer derer, die sich selbst verbannten
und tiefster Einsamkeiten hoher stiller Held -
Errichtet auf dem Markt das Mal des Unbekannten
ihm, wenn er lautlos zwischen euch zusammenfällt.

Aus: „An den Wind geschrieben - Lyrik der Freiheit 1933 - 1945“, gesammelt, ausgewählt von Manfred Schlosser unter Mitarbeit von Hans-Rolf Ropertz, Agora, eine humanistische Schriftenreihe, Darmstadt 1961

Georg Kaiser, geboren am 25. 11. 1878 in Magdeburg war ein deutscher Schriftsteller. Er war der erfolgreichste Dramatiker der expressionistischen Generation. Mit seinem 1917 in Frankfurt am Main aufgeführten Drama Die Bürger von Calais (1912/13) errang Kaiser einen ersten großen Erfolg. In diesem Stück geht es um die moralische Haltung, „den Hass ... durch Menschenliebe und stellvertretendes Opfer zu überwinden“. Seine Werke wurden ein Opfer der Bücherverbrennung vom 10. 5. 1933 Trotzdem versuchte er, noch in Deutschland zu bleiben. Er schloss sich Widerstandskreisen an und verfasste Flugblätter. Erst kurz vor einer Gestapo-Hausdurchsuchung flüchtete er 1938 in die Schweiz. Kaiser, der sich seit November 1944 auf dem Monte Verità in Ascona aufhielt, starb dort am 4. Juni 1945 an einer Embolie. In seinen letzten Lebensmonaten schrieb er noch mehr als 150 Gedichte.

Das Foto zeigt Georg Kaiser vor 1921

Freitag, 2. Juni 2023

Grete Edsen: Eine Näherin dichtet

 



Eine Näherin dichtet


Ich bin nicht arm, ich hab´ ein kleines Zimmer.
Ein Geranientopf blüht unter der Gardine.
Am weißen Fensterbrett, im Sonnenflimmer
steht die bald abbezahlte, neue Nähmaschine.

Ich bin nicht schön, mein Spiegel sagt es täglich;
zeigt mir kein jugendfrisches Angesicht.
Doch ist mein Ruf, ich sei recht still, verträglich,
und tät´ als Näherin stets meine Pflicht.

Ich bin nicht jung, ich habe nie geblüht.
Die Jugend liegt in weiter, weiter Ferne.
Es hat sich niemand recht um mich gemüht -
nur Kinder haben mich zuweilen etwas gerne.

Einmal kam er, ein entfernt Verwandter,
ein blonder, niedriger Unterbeamter.
Der war wie alle Männer sind,
und ließ mich sitzen - ohne Kind.

Das war ein Schmerz, oh, dass er ging,
sich nicht in meinem Netz verfing.
Hätt´ ich ein Kind von ihm besessen,
wie leicht könnt´ ich ihn dann vergessen.

Es hat sich niemand um mein Wohl gebangt.
Ich bin von allen eigentlich gemieden.
Es gibt keinen, der nach mir verlangt.
Ich bin nur einsam - sonst bin ich zufrieden.

Grete Edsen, aus der Zeitschrift UHU, Band 7, 8. Mai 1930. Über die Dichterin habe ich leider nichts herausfinden können.

Das Foto zeigt eine Näherin um 1930

Donnerstag, 1. Juni 2023

Bess Brenck-Kalischer: Schöpfung / Du / Lucifer / Prometheus

 



Schöpfung

War einsam
Barg seine Träume in Nacht.
Und einmal zwang er sie zur Gestaltung.
Erkannte, wandte sich
Barg seine Träume in Nacht.


Du

Wie fühlte ich mich tief,
Neige Du Deinen Kelch,
Dringe.
Die sieben zitternden Hüllen
Litt ich um Dich
Du.


Lucifer

Die Schrift erblich
Dies einzige Mal.
Lucifer drang in die Tiefe.
Nun trägt er durch Gestirne
Den Traum des doppelten Tages.
Die Abkunft des Sohnes,
Sein.

Bess Brenck-Kalischer, aus: Die neue Jugend, Juni 1914, auch in: Dichtung (Dichtung der Jüngsten, Band I). Dresdner Verlag von 1917, 1917


Prometheus

Otto Gross

Urgestein, Blut durchsickert,
Zackige Fahne – Prometheus
Stürmt das Feuer der wachen Pforte,
Streut es jauchzend den Völkern der Erde,
Aber die Vielen betrüben die Glut,
Biss und Hass spaltet den Brand,
Verqualmtes Geschlinge.
Da rang sich Prometheus wider dem Felsen,
Zwang von Neuem in jede Spalte
Heiligen Samen.
Nun quillt es leise
Um keusche Knospen,
Demütig zu lösen
Die Wehe der Welt.

(1913)


Wenn du im Grauen die Zeichen durchdringst.
Vogelflug kommende Sonne kündet.
Beuge, o beuge dein Haupt.
              Mensch,
Du wardst Sein.

Aus: Bess Brenck-Kalischer, Dichtung (Dichtung der Jüngsten, Band I). Dresdner Verlag von 1917, 1917

Bess Brenck-Kalischer, geboren als Betty Levy am 21. November 1878 in Rostock; gestorben am 2. Juni 1933 in Berlin.

1905 veröffentlichte sie erste Gedichte in der Zeitschrift „Charon“. 1906 Heirat mit dem Schriftsteller Siegmund Kalischer (1880–1911). Veröffentlichung von Gedichten und Prosa in den Zeitschriften „Neue Jugend“ (1914) und „Die schöne Rarität“ (1917). Spätestens seit 1917 lebte sie in Dresden-Hellerau, dort war sie Mitbegründerin der Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft Dresden. 1922 erschien ihr Roman Die Mühle.

Die Illustration ist ein Holzschnitt, „Verkündigung“, von Walter Otto Grimm (1894 - 1919), der ebenfalls der Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft Dresden angehörte.

Otto Gross (1877 - 1920) war Psychoanalytiker und Psychiater, der eine Zeit lang in Ascona lebte und dort dem Umkreis der Gruppe um den Monte Verità angehörte, und 1913 der Gruppe um Franz Pfempfert und der Zeitschrift Die Aktion.

Gedichte von Bess Brenck-Kalischer wurden auch im Versensporn. Heft für lyrische Reize Nr. 3. Edition Poesie schmeckt gut, Jena 2011 neu veröffentlicht.