
Mitternacht
Lautlos und langsam
Sammelt sich die Zeit,
Hängt wie ein dunkler Tropfen über´n Rande
Und löst sich zögernd . . .
Fällt
und fällt
und fällt.
Wohin?
Es hallt kein Ton zurück aus jenem Lande.
Alfred Schmidt, genannt Sas, wurde am 26. März 1895 als Sohn eines Bäckers in Schlegel in der Lausitz geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Löbau und wurde in Leipzig Volksschullehrer. Schon frühzeitig kam er mit der kommunistischen Partei in Berührung, wollte darum einen Diensteid nicht leisten und ging als Arbeiter nach Hamburg. Später kehrte er nach Leipzig zurück, studierte auf dem Konservatorium Musik und war später an einer marxistischen Schule als Lehrer tätig.
1933 wurde er wegen seiner Betätigung für die kommunistische Partei seines Amtes enthoben und kam in Haft. Später entlassen wurde er Musikerzieher in Berlin, wurde wiederum 1940 verhaftet und kam ins KZ Sachsenhausen. Im März 1942 entlassen, holte ihn im Juni 1942 die Gestapo zurück. Diesmal kam er vor das Volksgericht, von seinen sieben Mitangeklagten hatte er nie einen von Angesicht gesehen, am 9. Oktober 1942 wurden sie alle zum Tode verurteilt. Rund hundertachtzig Tage und Nächte musste er dann im Todeshaus in Plötzensee auf die Vollstreckung des Urteils warten. Am 5. April 1943, am Tage der Hinrichtung, war er eigentlich zum ersten Male davon überzeugt, dass er doch begnadigt worden sei: man hatte ihm von acht Jahren Zuchthaus gesprochen. An diesem Tage fiel sein Kopf.
. . .
So verdichtete sich das Leben in den folgenden Wochen immer mehr in ihm, er gibt alles auf, was nur dem flüchtigen Augenblick gilt, er macht alles dicht und fest, was Bestand in ihm hat. Es gibt da viele, viele Stunden, da er nur auf seinem Strohsacke sitzt, Erbsen sortierend (die seine heimliche Hauptnahrung sind), und leise vor sich hinsingt. Die Tränen laufen noch oft über seine Wangen, jedes unvermutete Öffnen der Zelle erschreckt ihn. Aber das sind nur die äußerlichen Dinge: alles wird immer fester in ihm, und ein ewiges Zeugnis geben davon die Briefblätter und seine Gedichte ab. Ehe ich noch einige wenige dieser Gedichte hier anführe, möchte ich einen Gedanken wenigstens noch andeuten, der mich, den ewigen Bücherschreiber, besonders seltsam anrührt. Das Todeshaus in Plötzensee hat also aus dem Musikerzieher Sas einen wirklichen Dichter gemacht, davon glaube ich jetzt schon meine Leser überzeugt zu haben. Ist es nicht ein selsamer Gedanke, dass dieser selbe Mann, wenn der Henker auch am hundertachtzigsten Tage an seiner Zelle vorübergegangen wäre, wenn er durch die Russen etwa seine Freiheit zurückbekommen hätte, eines Tages ins Leben zurückgekehrt wäre und seine alten Tätigkeiten begonnen hätte -? So starb er als ein Dichter. Aber so ist es: so wenig sind wir und so viel können wir aus uns machen, macht das Leben aus uns, wenn wir nur wollen.
Hans Fallada (1892 - 1947), aus: Das Todeshaus formt einen Dichter
Anmerkung: Erst 1958 wurde Alfred Schmidt-Sas‘ Gedichte aus der Totenzelle publiziert (in: Neue Deutsche Literatur, Heft 3/1958, mit einem Vorwort von Ferdinand May). Falladas Aufsatz aber blieb ungedruckt. Er wurde 75 Jahre nach der Niederschrift, im Mai 2021, erstmals im Reclam Verlag publiziert.
Das Foto zeigt eine erkennungsdienstliche Aufnahme von Alfred Schmidt-Sas

Die Liebenden
Durch lauen Abend wandeln die Liebenden;
um ihre Schultern der Verzauberung Mantel,
den Dämmerung säumt.
Sanfte Lichter glänzen in ihren Augen.
Tiefer noch leuchtend als der Sterne Strahlen
in nächtlicher Bläue.
Aneinandergeschmiegt suchen sie schmale Wege,
grasbewachsene, die ins Dunkel führen,
wo ihrer die Nacht harrt.
Marianne Rein, aus: Zweimonatschrift der Juden in Deutschland, herausgegeben von Julius Goldstein, Philo-Verlag, Berlin, Heft 2 Mai 1937
Marianne Dora Rein war eine junge hoffnungsvolle jüdische Dichterin aus Würzburg. Am 27. November 1941 wird Marianne Rein zusammen mit ihrer Mutter mit dem ersten aus Würzburg abgehenden Transport zusammen mit weiteren 200 Personen, darunter 40 Kindern und Jugendlichen, deportiert. Der Transport ging über Nürnberg nach Riga. Die Deportierten wurden, so eine Überlebende, in den eiskalten Wirtschaftsgebäuden des Jungfernhofes bei Riga untergebracht. Von dort gingen ab Februar 1942 Transporte ab, zuletzt am 26. März 1942 ein Transport mit ca. 1700 Menschen. Alle Abtransportierten wurden am gleichen Tag in einem Wald bei Riga erschossen. Von den im November 1941 aus Franken nach Riga Deportierten haben, soweit bekannt, zwei Personen überlebt.
Das Bild ist von Josef Eberz (1880 - 1942), unter den Nationalsozialisten galt er als „Entarteter Künstler“, 1937 wurden in der Aktion „Entartete Kunst“ eine große Anzahl seiner Arbeiten aus Museen und öffentlichen Sammlungen beschlagnahmt, die meisten vernichtet.

Wohin?
Versponnen schweigt die Dämmrung überm Walde.
Wir wollen heimgehn, sieh, der Tag erlischt!
Den dünnen Pfad auf grenzenloser Halde
hat schon das Dunkel da und dort verwischt.
Wir wollen heimgehn, Tau benetzt die Zweige
und Kühle schauert um das dürre Gras.
Die Stille tönt wie eine ferne Geige,
der nahe Abendhimmel schimmert blass.
Ein zartes Raunen, ach ein süß Verlocken
umschwebt die Fernen, die noch matt erglühn.
Bald kommt die Nacht, schon läuten ihre Glocken.
Wir wollen heimgehn, Liebste, ach wohin? - -
Aus: David Goldfeld, Der Brunnen Gedichte, Herausgegeben und mit einem Nachwort
von Helmut Braun, Rimbaud Verlagsgesellschaft mbH Aachen 2010
David Goldfeld, geboren am 14. Mai 1904 in Czernowitz (Österreich-Ungarn, heute Ukraine), gestorben am 08. Mai 1942 in Czernowitz (Rumänien). Sohn eines Kantors, wuchs in Czernowitz auf, verbrachte während des Ersten Weltkriegs einige Jahre in Böhmen und absolvierte nach der Rückkehr in seine Geburtsstadt das Gymnasium. Infolge einer frühzeitig ausgebrochenen Lungenkrankheit konnte er, ein hochbegabter Tenor, das Konservatorium nicht besuchen und war in Czernowitz und zeitweilig Bukarest als Beamter tätig. Freundschaftliche Beziehungen verbanden ihn mit Alfred Margul-Sperber, Alfred Kittner und Rose Ausländer, die ihm zwei Gedichte widmete.
Das Bild ist von Harald Sohlberg (1869 - 1935)

Regentropfen
Regentropfen warm und groß
Machen aus der Nacht sich los,
Regentropfen warm und groß.
Da die Nacht steht ganz in Glanz,
Einen Augenblick da stand′s,
Ein Geisterantlitz, da entschwand′s.
Da, ein Blitz hat Licht gemacht,
Ganz in Glanz da stand die Nacht,
Da, ein Blitz hat Licht gemacht.
Helle wird im Lied das Leid,
Leuchtet auf wie ein Geschmeid,
Leuchtend wird im Lied das Leid.
Und da steht es in der Nacht,
Still in seiner Geisterpracht
Steht sein Antlitz in der Nacht.
Liedertropfen warm und groß
Lösen aus dem Leid sich los,
Liedertropfen warm und groß.
Peter Hille (11.09.1854 - 07.04.1904)
Am 7. 5. 1904 verstarb in Berlin der noch nicht einmal 50 Jahre alte Dichter Peter Hille.
„Weltkind, Mystiker, Realist, Romantiker, das alles in buntem, aber doch nicht gerade bizarrem Gemeng, das war Peter . . . Von all dem war ja auch ein Stück in uns andern, in jedem waren die Elemente anders gemischt, bei dem überwog dieses, bei dem jenes. Peter gab gern der Welt und ihrer Lust, was ihr gebührte, aber von jeher war doch vor allem stark in ihm die Sehnsucht nach dem Unbekannten, der Drang ins Übersinnliche. Oder vielmehr er machte keine strenge Scheidung zwischen dem Nahen und Fernen; ihm war beides gleich vertraut, er sah auch im Staubkorn Gott, und alle Weltlust trank er wie etwas Göttliches. Alles Reale war ihm voll Romantik und auch das Seltsamste durchaus real.“
Heinrich Hart, (1855 - 1906), Schriftsteller und Literaturkritiker in seinem Buch „Peter Hille“, Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig 1904
„Ein Mägdelein wollte einmal von mir eine Definition des Kusses. Ich gab ihm einen, und es wußte genau Bescheid.
Peter Hille also – na, Peter Hille ist Peter Hille. Zum Teufel! Wollt ihr noch mehr wissen?
Was ist Liebe? Liebe ist, wenn man – Ach was! Liebe ist Liebe! Ein Kuß ist ein Kuß! Und Peter Hille ist Peter Hille!”
Erich Mühsam (1878 - 1934), aus seinem Nachruf auf Peter Hille, im „Neuen Magazin für Literatur, Kunst und soziales Leben“, 1904
Else Lasker-Schüler setzte ihm mit dem 1906 erstmals erschienen „Peter-Hille-Buch“ ein Denkmal.

Flüchtlinge
Vieltausend Blicke greifen nach euch,
Ist keiner von trostreicher Liebe feucht.
Lästersucht, Dünkelmut, Unverstand
Strecken geschäftig nach euch die Hand,
Zerren euch, meistern euch, horchen euch aus,
Stehlen sich schamlos in euer Haus,
Spüren und spüren – da gellt schon ihr Schrei:
„Hier ist das Wild gestellt, Jäger herbei!“
Wer stürzt dort hervor aus gesprengtem Gelaß?
Das ist der uralte, lefzende Haß.
Wer schützt euch mit mürrischem Angesicht?
Die kalte, befohlene Mitbürgerpflicht.
Oh, wäre mein Arm wie der Himmel so weit,
Ich zöge an mich euer stummes Leid.
Oh, wäre mein Herz wie der Frühling so reich,
Ich bettete euch auf Blüten weich.
Ich hüllte euch, Mütter, in laue Nacht,
Daß ihr ungesehn weint und euch keiner verlacht.
Otto Abeles, geboren am 1. Mai 1879 in Rohaletz bei Nikolsburg, gestorben am 25. Mai 1945, Journalist, Schriftsteller und Musikkritiker. Er übersiedelte Anfang September 1934 in die Niederlande und wurde eines der eifrigsten und mutigsten Mitglieder der Amsterdamer jüdischen Gemeinde, er war auch Direktor des niederländischen Zweiges des Keren Hajessod. Nach dem Einmarsch der Deutschen Truppen während des Zweiten Weltkriegs wurde auch Abeles gefangen genommen und im Durchgangslager Westerbork interniert. Im Mai 1944 wurde er weiter ins KZ Bergen-Belsen deportiert. Er starb etwas mehr als einen Monat nach seiner Befreiung aus dem KZ an einer Flecktyphusinfektion.
Springe wir den reigen | Springen wir den Reigen
nu, vrowe min, | nun, Frouwe mein,
vroun uns gegen den meigen, | freuen wir uns gegen den Mai,
uns chumet sin schin. | uns kommt sein Schein.
Der winder der heiden | Der Winter der Heide
tet senediu not, | tat sehnende Not,
der ist nu cergangen, | der ist nun vergangen,
si ist wunnechllich bevangen | sie ist wonniglich überbedeckt
von blumen rot. | von Blumen rot.
Aus: Carmina Burana, Lateinische und deutsche Lieder und Gedichte
einer Handschrift des XIII. Jahrhunderts aus Benedictbeuern auf der K. Bibliothek zu München, Stuttgart Gedruckt auf Kosten des Literarischen Vereins 1847
Herausgegeben von Johann Andreas Schmeller (1785-1852)
Das Bild ist von Louis Janmot (1814 - 1892)
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In alte Schläuche taugt kein neuer Wein,
Der Dichter dichte, wie zum Beispiel Whitman;
Die Seele immer neu schafft ihre Rhythmen,
wer heut´ Sonette macht, ist nur ein Schwein.
Daher hüt` ich mich davor, allein
Ich bin darob beruhigt, denn ich glitt, wenn
Ich´s auch wollte, nicht diesen Ritt, denn
Grad zur Sonettform sag´ ich immer: nein!
Ich hoppse, wie die Muskeln mir´s diktieren,
will nicht in fremde Form gezwungen sein
und fühle mich ganz frei in meiner - meiner!
Pfui Teufel, sollt´ ich je Sonette schmieren:
Ich will ich selbst in meinen Lungen sein
Und niemals atmen in Petrarkas seiner.
Dieses Sonett von Mynona (Salomon Friedländer) dürfte wohl die Blaupause zu der etwas deftiger formulierten Sonettkritik von Robert Gernhardt sein:
Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs
Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
daß wer Sonette schreibt. Daß wer den Mut
hat, heute noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, daß so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut
darüber, daß so'n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.
Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.
Robert Gernhardt (1937 - 2006)
Nur ließ Mynona seinem Missgefallen am Sonett noch 99 weitere Sonette folgen, wie zum Beispiel dieses hier:
Susanne wandert nach dem Badezeltchen,
Die Glieder eingehüllt in seidnen Rips,
Ein Herr (Zylinder, Lack, Monokel, Schlips)
Folgt ihr verstohlen in das Tannenwäldchen.
„Zu mager“, urteilt er. Doch durch ein Spältchen
Schielt lüstern er, ein ganz infamer Fips,
Erblickt (statt des vermeintlichen Geripps)
In Wahrheit das graziöseste Gestältchen.
Anmutig hebt sie eine Wasserkanne,
Besprudelt ihren fabelhaften Wuchs.
Er, selbstvergessen, ungeheuer hastig
(So geht es dem überreizten Manne)
Tritt fehl, versinkt fast ohne jeden Murr
In einem Sumpf (die Gegend war morastig).
Aus: Hundert Bonbons, Sonette von Mynona, München bei Georg Müller, 1918; angemerkt sei noch, dass ich persönlich Sonette sehr schätze.
Salomon Friedländer, geboren am 4.5.1871 in Gollantsch/Posen; gestorben am 9.9.1946 in Paris. Der Sohn einer jüdischen Arztfamilie verbrachte seine Jugend in Posen und Berlin. In München studierte er ab 1894 Medizin, in Berlin Zahnmedizin und ab 1896 Philosophie (Promotion 1902 in Jena). 1906 siedelte er nach Berlin über und schrieb nun unter dem Namen Mynona (Anagramm von »anonym«) auch Gedichte und Grotesken; seine philosophischen Schriften erschienen unter dem Namen Friedlaender. 1933 emigrierte er nach Paris.
Das Foto ist aus dem Nachlass, Salomo Friedlaender Collection, Leo Baeck Institute, New York