Mittwoch, 13. März 2019

Hedwig Dransfeld: Die Spur im Sande




Die Spur im Sande

- - Abseits vom breiten Pfade
Irrte auch ich,
Denn ich verstand nicht
Das Tun der Menschen.
Da nahm die Wüste mich auf -
Und durch den Sand
Schritt ich mit blutenden Füßen
Weiter und weiter,
Und ich sah nicht zurück,
Wo der bläuliche Nebel
In endlosen Weiten
Die Dörfer der Menschen verschlang.

Da kreiste am Himmel
Mit ausgebreiteten Schwingen
Ein Riesengeier,
Die Einsamkeit.
Da sank die Sonne
Mit brandigem Schimmer,
Und Schatten huschten vorüber
Wie abgeschiedene Geister.
Da brachen aus ihren Höhlen
Die Tiere der Wüste,
Und ihr Gebrüll
Durchtoste das Sandmeer,
Lüstern nach Raub.
Und mir entgegen
Grinste der Hunger,
Grinste der Durst
Und die seelentötende Einsamkeit.

Und ich in der Wüste
Der einzige Mensch.

Da höhnte der Geist:
»So sprich, warum bist du
Dem Pfade der Menschen entflohn -
Dem breiten Pfade
Durch Weizenfelder? -«

Und ich neigte die Stirne und sprach:
»Ich habe nicht Teil an ihnen.«

Und wieder höhnte her Geist:
»Daß du entwichen,
Dem eigenen Geschlecht,
Ist nun dein Fluch -
Denn die einsamen Pfade
Führen zum Tod ...
Du dürstest nach Menschen
Und stirbst am Durste ...«

Und ich wanderte weiter,
Umbrüllt von hungrigen Tieren,
Umflattert von irrenden Schatten -
Und es höhnten die Steine am Weg:
»Der einzige Mensch!«

Und weiter und weiter -
Endlos der Himmel,
Endlos die Wüste,
Und mitten darinnen
Ein kleines, klopfendes Herz!

Umfiebert die Stirn,
Vertrocknet die Lippe,
Keuchend der Atem! - -
Da stieg mir der Wahnsinn empor.
Und ich küßte am Wege den Stein.
»O hätte Menschenfuß
Dich je betreten!
O wäre auf diesem Pfade
Ein andrer gewandelt!
O einmal nur
Ein Kinderlachen,
Ein Glockentönen,
Bevor ich sterbe - -
Mich dürstet nach Menschen.«

Da - vor mir im dünnen Sande
Auf glatten Felsen
- Barmherziger Gott! -
Eine Menschenspur!
Und weinend brach ich ins Knie.

Nicht mehr der einzige Mensch
Ein anderer vor mir!
Wohin sein Pfad?
Verschlang ihn die Wüste?
Kehrte er heimwärts
Zu seinem Geschlecht?
Schritt er im Wahnsinn?
Schritt er, von Sehnsucht beschwingt,
Nach leuchtenden Zielen?
So rede, rede,
Heilige Spur! - -

Doch die Einsamkeit sprach:
»Wozu die Frage? -
Ein Mensch, ein Mensch,
Der gelitten wie du
Und geirrt wie du!
Ein Mensch in der Wüste,
Abseits vom Pfade
Der Weizenfelder,
Suchend das Licht!« - -

Da wich der Wahnsinn
Da strahlte die Nacht,
Da stand der Himmel in Flammen -
Und wund geküßt
Auf nacktem Stein
Hab' ich die brennende Lippe ...

Ein Mensch in der Wüste!
Im Sand eine Spur! - -

Hab' Dank, o Fremdling ...


Hedwig Dransfeld, geboren am 24. Februar 1871 in Hacheney (heute Dortmund), gestorben am 13. März 1925 in Werl, Frauenrechtlerin und Schriftstellerin.

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch

Arthur Silbergleit: Heimweh / Hiob



Heimweh

Manchmal schluchzt eine Weise
Beim hellen Kerzenschein,
Dann schleicht das Heimweh leise
Tief in das Herz hinein. . .

Das Wachs tropft von den Kerzen,
Und Glanz erlischt und Glück,
Und nur im tiefsten Herzen
Bleibt still das Weh zurück. . .

Hiob

Ich bin zu gläubig in die Welt gegangen,
Zu tief enttäuscht aus ihr zurück gekehrt.
Aus allen Qualen trieb mich Heimverlangen:
Herr, mach mich wieder Deiner Nähe wert!

Jahrzehnte wie in einem Turm gefangen
Blieb ich in mir, und keines Blitzes Schwert
Und kein Vulkan ließ mich erschüttert bagnen.
O Herr, zu streng hast Du mich Leid gelehrt!

Elias Wagen wurde mein Gefährt,
Von Purpurgluten, meinem Blut verklärt.
In seinen Feuern lohten alle Flammen,

Die Brände meiner Seelenwunden mit.
Zu lange schien mich Satan zu verdammen.
Nun lieb mich, Himmel, weil ich Höllen litt!

Aus: Der ewige Tag. Gedichte. Hrsg. von der Künstlerhilfe der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Levy, Berlin, 1935

Arthur Silbergleit, geboren am 26. Mai 1881 in Gleiwitz in Oberschlesien; wurde am 13. März 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert, wo er noch im gleichen Monat starb.

"Silbergleit ist ein Dichter, der am Webstuhl der Natur sitzt, in dem Göttliches noch ursprünglich wirkt. Er kommt vom Religiösen her, alles in ihm, an ihm ist stark und tief von Gläubigkeit durchglüht. In seinen Werken verknüpfen sich Stoff und Idee, Welt und Geist, verbinden sich Wissenschaft und Dichtung. Arthur Silbergleit kann selbst in seinen weltlichen Werken nicht verleugnen, dass er ein Spross seiner Litauischen Ahnen ist, die als Priester in den Zelten Israels heimisch waren."

Max Tau (1897 - 1976), deutsch-norwegischer Schriftsteller.

"Die Benennung Sänger trifft auf Silbergleit vorzüglich zu, auf die Geschmeidigkeit und Beherrschung des Reims, auf die innere Regentschaft über Klang und Reim, auf die sorgfältige Vokalisierung, auf den bel canto, der jede lyrische Empfindung begleitet."

Max Hochdorf (1880 - 1948)

„Berühmt“ ist mir als origineller Ausspruch des längst vergessenen Lyrikers Arthur Silbergleit in Erinnerung geblieben: „Berühmt sind wir alle einmal.“ Wie richtig, wie goldrichtig ist das! Zum Abgewöhnen richtig!

Oskar Maria Graf (1894 - 1967)

Das Bild ist von der 2017 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch

Dienstag, 12. März 2019

Arno Nadel aus: Das Leben des Dichters





Zwei Wolken,
Wie ein Liebespaar,
Im tiefen Blau,
Dem Bett der Götter.
Sie dringen, gegen Wind,
Wie Leiber ineinander.
Nun sind sie
Eins. 




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Die milde Sonne
Die die Lampe sendet,
Sie blinkt in den Pupillen
Deiner Augen.
Nun strahlt sie auch, Geliebte,
Im weißen Hügel ringsum
Und blinkt
Wie an den Ufern des Meeres
Zur Sommerzeit.


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Die Liebe ist
So langsam,
Daß sie,
Zum Ziele zu gelangen,
Am Leben nicht genug hat.
Sie geht
Bis an den Tod,
Und fängt vielleicht
Den Weg
Von neuem an.


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Das Grün der Zweige
Wiegt sich sanft,
Es ist
Kein Wind
Zu spüren.
Blatt stößt
An Blatt,
Es ist
Wie zartes Küssen,
Die Stämme rühren sich
Unsichtbar mit.
Ein grünes Amen weht
Durch Sommerglut.


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Wie ihr die Welt
Nicht ganz begreift,
So werdet ihr mich
Nicht begreifen
Und meine Liebe nicht,
Die launisch süß ist
Wie die Welt,
Und die nur ist,
Doch nicht,
Um zu genügen.


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Ich frage nicht,
Wie ich die Welt erfülle.
Die Welt bedarf nicht meiner.
Und was ich
In das Zeichen
Setzte,
War mir
Geschenk vor Allem.
Nur: wie beglück ich,
Fragt ich jede Stunde.


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Es muß wohl alles
Nur einmal sein.
Einmal das Glück,
Einmal das Leiden.
Und auch dies Leben
Wohl einmal nur.
Denn Gottes ist die Fülle.


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Und wie mein Herz gesundet,
Fängt es zu singen an.
Es lebt,
Das ist schon Singen.
Ich sang die Welt
Hinüber
Und blieb fast selber
Ohne Ding und Leben.





Aus: Arno Nadel Das Leben des Dichters
Nummerierter Privatdruck 1935
Gedruckt bei Victor Otto Stomps Berlin




Arno Nadel, Schriftsteller Musikwissenschaftler und Maler, sein literarisches Werk besteht aus Gedichten und Theaterstücken. Geboren wurde er am 5. Oktober 1878 in Wilna, am 12. März 1943 wurde er in das KZ Auschwitz deportiert, wo er im gleichen Monat noch verstarb.

Seit 1903 war er Mitarbeiter der Zeitschrift Ost und West; er schrieb auch für die Zeitschrift Der Jude, der Vossischen Zeitung und dem Vorwärts.

Ab 1916 war er Chordirigent der Synagoge am Kottbusser Ufer und bald musikalische Führungspersönlichkeit und gefragte Autorität für alle Synagogen Berlins. Obwohl seine beiden Töchter emigrierten, blieb Arno Nadel 1933 in Deutschland.

Das Bild "Landschaft oben und unten" ist von der 2017 verstorbenen Fredelloher Künstlerin Andrea Rausch

Montag, 18. Februar 2019

Hilde Meisel: Friede / Sprecht nicht von Mut / Hamburg 1935



Friede

Mit viereinhalb Jahren war ich der Ansicht,
daß Sonntags die Sonne am hellsten scheint,
und mit dem Wort „Sonntag“ hat sich in meinem Kopfe
stets das Wort „Friede“ vereint.

Als Mutter dann sagte, der Krieg sei zu Ende,
schien die Sonne, und ich war froh,
ich wußte genau, auch an Wochentagen
schiene künftig die Sonne ebenso.

Die Enttäuschung fing mit dem ersten Regen,
der nach dem 11. November fiel, an.
Was Friede sonst hieß, konnt’ ich nicht wissen,
weil, als ich zur Welt kam, der Krieg g’rad begann.

Verändert hat sich zuerst nicht viel:
Vorm Bäckerladen standen wir Schlange.
Im Winter herrschte Kohlennot,
und auf Vaters Heimkehr harrten wir lange.

Die Bahnen fuhren zuweilen nicht,
und in den Straßen wurde geschossen.
Es ist, seit der Friede begann,
nicht Regen nur, sondern auch Blut geflossen.

So verstand ich nie, was Friede hieß,
und vergaß, nach dem Sinn des Wortes zu fragen.
Die Menschen hatten im Krieg gestöhnt
Und hörten im Frieden nicht auf zu klagen.

Ich lernte, was Arbeitslosigkeit hieß,
und Putschversuche und Straßenschlachten,
was Wirtschaftskrise hieß, wußte ich gut,
und sah, wie die Nazis die Straße frei machten.

Was Lebensraum heißt, das hab’ ich erfahren,
und was ein Staatsfeind war, wußte man schon;
ich lernte Kanonen statt Butter kennen,
Gestapo, KZ und Emigration.

Was Lebensraum heißt, das hab’ ich erfahren,
und Friedensbereitschaft, Mobilisation,
feindliche Ausländer, Tribunale,
Bombenterror und Deportation.

Was Friede hieß, braucht’ ich nun nicht mehr zu fragen,
doch manchmal, wenn grau der Himmel weint,
denk’ ich zurück an das Kind, das dachte,
daß im Frieden immer die Sonne scheint.

Aus: Lehnert, Hans und Hilde Meisel: Gedichte, Hamburg 1950 (postum)


Sprecht nicht von Mut

Sprecht nicht von Mut,
o sprecht mir nicht von Helden
und Heldentum!
Ich weiß, es gibt auch Helden,
und ihnen gebührt der Ruhm.
Aber bei mir war es anders.
Feiert mich darum nicht so sehr –
Das Leben ist manchmal so drückend,
so beängstigend schwer,
dass man mehr Mut braucht, zu leben,
als für einen großen Zweck
sich selbst hinzugeben
und ist dann über alles hinweg.
So lernt man den Tod verachten,
und das zu lernen, ist gut.
Doch die es dazu brachten,
beweisen erst ihren Mut,
wenn sie dennoch weiterleben,
Jahre – jahrzehntelang.
Feiert den nicht als Helden,
der nicht das Leben bezwang.

Hilde Meisel, 1914 - 1945: „Sprecht nicht von Mut“, unbekanntes Entstehungsdatum, erschienen 1975 in „Die Steine reden“, Hrsg. Erich Fein Wien : Europa-Verlag, 1975

1984 in „Das Gewissen steht auf“
und 2007 in der Anthologie „In welcher Sprache träumen Sie?“


Hamburg 1935

Von dieser Brüstung werde ich gleich springen.
Gleich wird mein Körper auf dem Hof zerschellen.
Ich höre noch den Bettler drüben singen,
Ich höre einen Hund ein Pferd anbellen.
Bleich werde ich gestorben sein.

Ich sterbe mitten im Gewühl der Stadt,
und nicht im Kämmerlein mit Veronal,
denn wer den Todessprung verschuldet hat,
wer schuldig ist an meiner Lebensqual,
soll ihren schreckensvollen Ausgang sehn.

Zwei Jahre lebte ich als Emigrant
Und konnte Frau und Kinder nicht ernähren,
und sehnte mich nach meinem Heimatland.
Schliesslich entschloss ich mich, zurückzukehren,
verzweifelt, und verängstigt, und verzagt.

Ein alter Jude, schwach und hoffnungslos,
Kehrt' ich zurück ins Deutschland der Barbaren.
Ich wollte arbeiten. Ich wollte bloss
den Kindern, die so lange hungrig waren,
ein wenig Brot und Kleidung noch verschaffen.

Ihr liesset es nicht zu. Ihr seid so roh!
Ach, wüsstet ihr, wie meine Kinder froren,
als ich von ihnen ging. Sie weinten so . . .
Doch ihr habt eure Seelen längst verloren,
seit euch das Hitlerreich die Freiheit nahm.

Er ist so mächtig! Kann ich meine Kinder schützen
vor Banden, die sich frech Regierung nennen?
Was kann ich alter Jud den kleinen nützen?
Vielleicht wenn sie mich nicht mehr kennen,
wird ihnen irgendwo ein Tor zur Welt.

Drum geh ich fort. Doch geh ich nicht im Stillen.
SA-Mann dort: in einem Augenblick
hörst du die aufgeschreckte Masse brüllen:
"Ein Mann fiel, und er brach sich das Genick.
Und dieser Mann – es war ein armer Jude."

J U D E

Man drängt um seinen Leichnam. Zieht den Hut.
Doch wenn du kommst, weicht angstvoll man zurück.
Dein braunes Hemd, es riecht so stark nach Blut -
und aus dem toten Körper saugt ein Blick
anklagend sich an deinem Auge fest.

Beklommen starrst du auf den toten Mann,
siehst Kinder um den alten Juden weinen,
und selbst die arischdeutsche Marktfrau kann,
so sehr sie sich bemüht, nicht teilnahmslos erscheinen -
Barsch forderst du zum Weitergehen auf.

Man geht. Man wendet sich noch einmal um -
ein letzter Blick – birgt er nicht ein Verstehen?
Birgt er die Frage nicht an diese Zeit: Warum
müssen wir über dieses Juden Leiche gehen?
Und das Geständnis: Unser ist die Schuld?

Ich bin ein Jude. Und ich sterbe hier,
damit ihr denken möget an das Leben
der Abertausend, über die, gleich mir,
ihr euer Todesurteil abgegeben.
Wer seid ihr, dass ihr unsere Richter seid?

Um sich dem physischen und psychischem Terror zu entziehen, nehmen sich damals rund 10 000 Juden in Deutschland das Leben, allein in Hamburg mindestens 319. Einer davon ist Berthold Walter. Sein Sprung in den Lichthof der Finanzbehörde ist ein stummer Protest. Hilde Meisel schreibt noch 1935 ein Gedicht über seinen Tod.

Hilde Meisel, geboren am 31. Juli 1914 in Wien. Aufgewachsen in Berlin veröffentlichte sie Artikel gegen die NS-Diktatur in Deutschland. In Zeitschriften, Büchern und Rundfunksendungen rief sie im englischen Exil, unter dem Pseudonym Hilda Monte, zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf.

Am 17. April 1945 wurde sie auf dem Rückweg von Österreich in die Schweiz in der Nähe von Feldkirch, an der „grünen Grenze“ zu Liechtenstein, von einem Grenzwachbeamten angehalten und bei einem anschließenden Fluchtversuch angeschossen. Sie starb unmittelbar an ihrer Verletzung.

Montag, 4. Februar 2019

Hugo Salus: Abendlied / Altes Gettholiedchen



Abendlied

Nun schweigt das laute Treiben,
Und still wird Dorf und Rain,
In allen Fensterscheiben
Verglüht der Sonnenschein.

Die Abendglocken freuen
Sich hoch im Gotteshaus,
Wie Weihrauchfässer streuen
Sie ihren Segen aus.

Die Wellen rauschen leise,
Schlaftrunken träumt der Fluß;
Die Blätter tauschen leise
Den letzten Schlummerkuß.

Die Abendenglein zünden
Schon Stern und Sternlein an,
Auf lauen Abendwinden
Schwebt mild die Nacht heran ..


Altes Gettholiedchen

Estherl, mein Schwesterl, was ist mir gescheh'n!
Ein Judenkind soll unter Christen nicht geh'n!
Die Mutter hat recht; aber jetzt ist's zu spät,
Sie hab'n mich erkannt und gehöhnt und geschmäht
Und gezerrt am Haar und das Kleid zerrissen
Und Unflat und Steine nach mir geschmissen,
Estherl!

Estherl, mein Schwesterl, da ist es gescheh'n,
Da hab' ich den Ritter kommen geseh'n,
Mit dem Schwert an der Seite, mit dem Kreuz auf der Brust,
Und ich hab' nur immer ihn anschau'n gemußt,
Und sein Blick hat die Christen von dannen getrieben,
Und er ist bis ans Tor bei mir geblieben,
Estherl!

Estherl, mein Schwesterl, was ist mir gescheh'n?
Ich werd' wieder, ich weiß, in die Christenstadt geh'n,
Und wenn sie mich stoßen, was liegt mir daran,
Wenn ich ihn nur noch einmal anschau'n kann,
Nur einmal! Dann sollen sie mich erschlagen.
Nur der Mutter, hörst du, darfst du nichts sagen,
Estherl!


Hugo Salus, geboren am 3. August 1866 in Böhmisch-Leipa; gestorben am 4. Februar 1929 in Prag.

„Salus ist den meisten Lesern besser aus Beiträgen für die `Jugend` und andre Zeitschriften bekannt als aus seinen Gedichtsammlungen. Das ist schade, denn gerade seine schönsten Gedichte eignen sich nicht für Zeitschriften, und die sich dafür eignen, verzerren sein dichterisches Bild. Er ist ein Sänger und ein Bildner, und die Beimischung des goldigen Humors gibt keinen schlechten Dreiklang. . .“


Karl Kraus

Samstag, 2. Februar 2019

Friedrich Adler: Der deutsche Jude / Dämmerstunde / Mozart / Ekloge




Der deutsche Jude

Zu sehr an Dir mit allen Ranken
Hängt meine Seele, deutsches Heim.
In deutscher Rede lernt ich träumen,
Die Brust erzittert ihrem Wort,
Und zu den fernsten Himmelsräumen
Trug mich das deutsche Denken fort.
So fühl ich mir ernste Weihe  - 
Trag meines Volkes Leid und Lust
Kehrt sich von mir der Brüder Reihe
Ich schreite fort, des Ziels bewußt.
Und während lautestes Getriebe
Mit Schlag- und Losungswort mich kargt,
Berg´ ich im Herzen stumm die Liebe,
Zu hoch und heilig für den Markt.





Dämmerstunde

Sprich nur, sprich!
Ich höre die Rede rinnen,
ich höre dich.

Durch das Ohr nach innen
gleitet die Welle;
Frieden trägt sie und Helle
tönend mit sich.

Ich höre die Worte rinnen  -
Ich will mich auf keines besinnen:
Ich höre dich.




Mozart

Glöckchenklang und süße Flöte
Öffnen dir der Weisheit Pforte,
Neuen Lebens Morgenröte
Grüßt dich mit geweihtem Worte.

Rosen decken und verklären
Dir den strengen Weg zum Ziele:
Lächelnd Glück wird das Entbehren,
Und die Prüfung wird zum Spiele.

Was nicht düstre Stirnen lösen,
Löst das Herz, das sonnehelle,
Gießt selbst um den Trotz des Bösen
Seine heitre Liederwelle.

Gib dich hin den holden Stunden,
Die den Mantel um dich schlagen,
Dich als Sieger ohne Wunden
In den Märchenhimmel tragen.




Mit 81 Jahren starb Friedrich Adler am 2. Februar 1938 in Prag. Seine Familie wurde Opfer der Nationalsozialisten: Seine Frau Regine Adler wurde 1943 im KZ Theresienstadt ermordet, die Spur der Töchter verliert sich 1943 in Zamość im besetzten Polen. Sein Gedicht Ekloge wurde von Arnold Schönberg vertont



          

Freitag, 1. Februar 2019

Hans Bethge: Aus "Lieder an eine Kunstreiterin"





Es weht um dich
Wie der Atem der Blumen der Nacht.

In deinen Augen schlafen die Träume
Der Wolken und Winde.

Du bist wie das unbegreifliche Lied
Über den Birken der Maiennacht.

Du funkelst.

Könnt ich den Glanz, der dein Wesen umspielt,
Einfangen wie einen Vogel!

Aber du entfliehst . . .


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Wo du wanderst,
Blühen die Rosen träumerischer,

Wo deine Stimme tönt,
Ist ein Echo aus himmlischen Sphären.

Wo deine Hände Gaben reichen,
Lacht der Frühling aus allen Beeten.

Wo du liebst,
Geht die Welt in Flammen auf!




Aus: Hans Bethge Lieder an eine Kunstreiterin
1922 Gyldendalscher Verlag Berlin

 
Hans Bethge, geboren am 9. Januar 1876 in Dessau; gestorben am 1. Februar 1946 in Göppingen, Dichter, machte sich einen Namen durch seine Nachdichtungen orientalischer Lyrik.