Donnerstag, 8. Dezember 2022

Max Bruns: Von den tiefsten Wundern unserer Nächte / Ein Flüstern / Lied

 




Aus: Die Gedichte (1893-1908) Verlegt bei J. C. Bruns in Minden (Westfalen) 1908


Aus: Max Bruns Lesebuch Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Anne Kathrin Pfeuffer, 2005 Nyland-Stiftung, Köln

Hermann Hesse an Max Bruns [09.01.1906]: „ Hochgeschätzter Herr Bruns! Ihre Dedikation ist mir wertvoll und ich sage Ihnen schönen Dank. Der Geist des Buches tat mir wohl und auch in Betracht der Form ist mir das Lesen erfreulich und bildend gewesen. Sie gehen einen anderen Weg als ich, sind kühner und vielleicht voraussetzungsloser und gerade das war mir wertvoll. Leider fällt mir das Schreiben von Briefen unglaublich schwer, namentlich seit ich auch einen kleinen Sohn habe, der Bruno heißt. Sonst würde ich mehr sagen. Ich wünsche Ihnen von Herzen Gutes als Ihr Hermann Hesse“

Max Bruns, geboren am 13. 7. 1876 in Minden) war Verleger, Übersetzer und Dichter. Unter anderem übersetzte er Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen, an dieser Übersetzung arbeitete er mit seiner Frau Margarete Bruns zusammen. Er starb am 23. 7. 1945 in seinem Geburtsort an den Folgen eines Raubüberfalls.

Wenn schon dem Menschen diese beiden Mittel gegeben sind, sich selbst zu vollenden, die Liebe und die Kunst: wie sehr muß es ihm dann vergönnt sein, sich bis zu seinen äußersten Möglichkeiten zu steigern, wenn er dem Erlebnis der Liebe im Kunstwerk Ausdruck und Gestaltung gibt!“ Max Bruns

Das Bild „Schiffe im Dunkeln“ ist von Paul Klee (1879 - 1940)


Isaac Schreyer: Häuser am Abend

 



Isaac Schreyer, Lyriker und Übersetzer, geboren am 20. Oktober 1890 in Wiżnitz (Bukowina); starb am 14. Januar 1948 in New York im Exil an einer Herzattacke, aus: Die Schaubühne, Nr. 9 und Nr. 8 1912. Die Zeitschrift wurde 1905 von Siegfried Jacobsohn gegründet und 1918 in Die Weltbühne umbenannt. 

Das Bild ist von Albrecht de Vriendt (1843 - 1900)



Jakob Haringer, Arnold Schönberg: Sommermüd / Tot / Mädchenlied

 



Jakob Haringer, aus: Der Reisende oder Die Träne - Der Werke X. Band. In: Die Denkmäler 48/51, Ebenau bei Salzburg: Grigat 1932



Jakob Haringer, aus: Abschied. Gedichte. Berlin-Wien-Leipzig: Paul Zsolnay Verlag 1930



Jakob Haringer, aus: Abschied. Gedichte. Berlin-Wien-Leipzig: Paul Zsolnay Verlag 1930

Jakob Haringer  (1898-1948)

Seine Gedichte waren Würfe, er hat nicht daran gefeilt und gearbeitet. Er hatte keine Selbstkritik und gehörte zu den Autoren, bei denen Herrliches neben ganz Schwachem steht… Haringer hatte mir 1945 das Fenster-Manuskript angeboten. Wie oft er es zuvor schon anderswo versucht hatte, weiß ich nicht… Nachdem wir uns kennengelernt hatten, kam Haringer in regelmäßigen Abständen häufig nach Zürich und blieb jedesmal etwa eine Woche bei uns zu Gast. Er gehörte fast schon zur Familie, was er sichtlich auch genoß… Seine Egozentrik war gelegentlich schon sehr anstrengend und seine Ausdrucksweise ziemlich vulgär, was jedoch durch seine unglaubliche Infantilität gemildert wurde. Schwer zu verdauen war – undifferenziert ausgedrückt – sein Größenwahn. Er überspielte und kompensierte dauernd. Ein Bohemien war er nur äußerlich, er suchte Geltung, Ansehen, materielle Bestätigung… Bevor das Fenster in Satz ging, kämpften wir lange und hartnäckig um das Manuskript. Zunächst mußten fragwürdige Gedichte (zumeist überbordende balladeske Gebilde) ausgeschieden werden. Im übrigen ging es ausschließlich um Rechtschreibung und Zeichensetzung (er war darin maßlos und inkonsequent). Er hat mich danach mit Vorliebe als „Duden-Papst“ und „Genie-Killer“ beschimpft. Aber mit dem Resultat war er dann doch sehr zufrieden und einverstanden, ja sogar stolz darauf…“

Gregor Müller (Verleger von Haringers Gedichtband „Das Fenster“in einem Brief vom 9. Mai 1981 an den Aufbau-Verlag

 Die Gedichte sind echtes Gewächs, keine lyrische Ware. Dreierlei gehört zur Kunst: einmal, daß einer etwas ist, – einmal, daß er zu sich gefunden hat, – einmal, daß er etwas kann. Das ist dreifache Gnade. Haringer schreibt, wie ihm zu Mut ist. Dabei wäre nichts. Aber er ist von Haus aus Lyriker und Könner. Und darum ist es alles. Selbst wenn die Gedichte zu einem Teil sich formal nicht schließen, als Einzelwesen schwer bestehen. Woran denke ich bei diesen Stücken? An Tübingen, Hölderlin, die Maler Spitzweg, an Richter, Blechen. Eine sehr deutsche Pflanze. Verschollener Typ eines vagierenden Poeten. Er schreibt von Kinos, Cafés, aber fühlt Rothenburg und Nürnberg…“

Alfred Döblin über Jakob Haringers Lyrik

Das Portrait von Jakob Haringer ist gemalt von Erich Büttner (1889 - 1936)


      

Die drei vollendeten zwölftönigen Liedkompositionen op. 48 von Arnold Schönberg (1874  -  1951) entstanden – wie die Datierungen der handschriftlichen Quellen ausweisen – im Januar und Februar 1933, und zwar Sommermüd Wenn du schon glaubst op. 48, 1 am 14. und 15. I., Tot Ist alles eins op. 48, 2 am 17. und 18. II., schließlich Mädchenlied Es leuchtet so schön die Sonne op. 48, 3 zwischen dem 18. und 23. II. 1933. 


Das Portrait von Arnold Schönberg ist ein Selbstportrait (1910)


Ernst Ruschkewitz: Ausklang

 


Erich Ruschkewitz, der am 16. Juli 1904 in Bütow/Hinterpommern zur Welt kommt, besucht zunächst das Gymnasium in Danzig. Ab 1923 nimmt er mit politischen und satirischen Gedichten, Rezensionen, Rundfunkkommentaren sowie lokalen Reportagen seine publizistische Tätigkeit auf. Seine Beiträge erscheinen vor allem in der Danziger Rundschau und in der Danziger Volksstimme, später auch in der Satirezeitung Das Stachelschwein oder im Simplicissimus. Nur wenige Schriftsteller Danzigs treten so wie er für die deutsch-polnische Verständigung ein.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gewinnt für Ruschkewitz seine jüdische Identität zunehmend an Bedeutung. Er beteiligt sich aktiv am Leben der Jüdischen Gemeinde, wird Geschäftsführer des Jüdischen Clubs und übernimmt 1939 die Redaktion des Jüdischen Gemeindeblattes. Trotz des nach November 1938 gefassten Beschlusses der Gemeindemitglieder zur geschlossenen Auswanderung bleibt Ruschkewitz in Danzig, wird 1940 Mitglied der „Transportleitung“. Am 7. Dezember 1941 wird er nach Riga-Jungfernhof deportiert, dort verliert sich seine Spur. (Text: Versensporn)

Im März 2017 erschien als 27. Heft der verdienstvollen Lyrikreihe VERSENSPORN, durch die auch auf diesen Dichter aufmerksam wurde, eine Textauswahl mit 39 Gedichten von Ruschkewitz.

Das Bild ist von Lesser Ury (1861 - 1931)



Mit freundlichen Grüssen A. Einstein.

Auf einer Postkarte von Albert Einstein an Erich Ruschkewitz vom 4. Juli 1923


Mittwoch, 7. Dezember 2022

Louise Aston: Lebensmotto

 



             Lebensmotto

Fromme Seelen, fromme Herzen,

Himmelssehnend, lebenssatt;
Euch ist rings ein Thal der Schmerzen,
Eine finst're Schädelstatt!
Mag in schreckenden Gesichten
Bang vor mir das Schicksal steh'n;
Nie soll mich der Schmerz vernichten,
Nie zerknirscht und reuig seh'n!
Freiem Leben, freiem Lieben,
Bin ich immer treu geblieben!

Leben - Meer, das endlos rauschend
Mich auf weiten Fluten trägt:

Deinen Tiefen freudig lauschend
Steh' ich sinnend, stummbewegt.
Stürzt Gewittersturm, der wilde,
Jauchzend sich in's Meer hinein,
Schau' ich in dem Flammenbilde
Meines Lebens Wiederschein.
Freiem Leben, freiem Lieben,
Bin ich immer treu geblieben!

Liebe - von der Welt geächtet,
Von dem blinden Wahn verkannt,
Oft gemartert, oft geknechtet,
Ohne Recht und Vaterland;
Fester Bund von stolzen Seelen
Den des Lebens Glut gebar,
Freier Herzen freies Wählen
Vor der Schöpfung Hochaltar!
Freiem Leben, freiem Lieben,
Bin ich immer treu geblieben!

Und so lang' die Pulse beben,
Bis zum letzten Athemzug,
Weih' der Liebe ich dies Leben,
Ihrem Segen, ihrem Fluch!
Schöne Welt, du blühend Eden,
Deiner Freuden reicher Schatz
Giebt für alle Schicksals Fehden
Vollen, köstlichen Ersatz!
Freiem Lieben, freiem Leben,
Hab' ich ewig mich ergeben!

Louise Aston, geboren am 26. November 1814 in Gröningen; verstorben am 21. Dezember 1871 in Wangen im Allgäu), Schriftstellerin und Vorkämpferin für die demokratische Revolution und Frauenbewegung.

Das Bild ist von Johann Baptist Reiter (1813 - 1890) und zeigt vermutlich ein Porträt von Louise Aston



Dienstag, 8. November 2022

Christian Morgenstern: Acht lustige Könige

 

 

Wie die Galgenlieder entstanden

Es waren einmal acht lustige Könige; die lebten. Sie hießen aber so und so. Wer heißt überhaupt? Man nennt ihn. Eines Tages aber sprachen die lustigen Könige zueinander, wie Könige zueinander sprechen. „Die Welt ist ohne Salz; laßt uns nach Salz gehen!“ sagte der zweite. „Und wenn es Pfeffer wäre“ meinte der sechste. „Wer weiß das Neue?“ fragte der fünfte. „Ich!“ rief der siebente. „Wie nennst du´s?“ fragte der erste. „Das Unterirdische,“ erwiderte der siebente, „das Links, das Rechts, das Dazwischen, das Nächtliche, die Quadrate des Unsinnlichen über den drei Seiten des Sinnlichen.“ „Und der Weg dazu?“ fragte der achte. „Das einarmige Kreuz ohne Kopf und der Basis über dem Winkel!“ sagte der siebente. „Also der Galgen!“ sagte der vierte. „Esto“ sprach der dritte. Und alle wiederholten „Esto“, das heißt „Jawohl“.

Und die acht lustigen Könige rafften ihre Gewänder und ließen sich von ihrem Narren hängen. Den Narren aber verschlang allsogleich der Geist der Vergessenheit - -

 

 



 







 

„Betrachten wir den Galgenberg als ein Lugaus der Phantasie ins Rings. Im Rings befindet sich noch viel Stummes.

 

Die Galgenpoesie ist ein Stück Weltanschauung. Es ist die skrupellose Freiheit des Ausgeschalteten, Entmaterialisierten, die sich in ihr ausspricht. Man weiß, was ein mulus ist: Die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Schulbank und Universität. Nun wohl: ein Galgenbruder ist die beneidenswerte Zwischenstufe zwischen Mensch und Universum. Nichts weiter. Man sieht vom Galgen die Welt anders an und man sieht andre Dinge als Andre“.

Christian Morgenstern, geboren am 6. 5. 1871 in München, gestorben am 31. 3. 1914 in Untermais, Tirol

Musik im Video: Dingefinder, erstellt mit Music Maker Jam und MuseScore, bis auf die Soloflöte, Syrinx von Claude Debussy

Es wurden Bilder verwendet im Video von Alice Bailly, Robert Bateman, John Bauer, Albert Bierstadt, Hieronymus Bosch, Edmund Dulac, Augusto Giacometti, Paul Goesch, Max Frey, Vilhelm Hammershøi, Hugo Henneberg, Ferdinand Hodler, Eero Järrnefelt, Heinrich Lefler, Sidney Lomg, Edward Okun, Niko Pirosmani, Ernest Procter, Arthur Rackham, Andrea Rausch, Herbert von Reyl-Hanisch, Briton Rivière, Eric Harald Macbeth Robertson, Henry Rousseau, Georg Schrimpf, Carlos Schwabe, Franz Sedlacek, Jessie Willcox Smith, Ernst Stöhr, Sergei Jurijewitsch Sudeikin, Hans Thoma, Anna Traquair, Victor Vasnetsov,  Elihu Vedder, Sarah Stilwell Weber, Henryk Weyssenhoff, Michal Wygrzywalski u. a.

Die Bilder sind gemeinfrei bis auf das von der 2016 verstorbenen Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, mit freundlicher Genehmigung der Hedi-Kupfer-Stiftung Fredelsloh als Nachlassverwalterin.

Dingefinders LYRA:  LYRA  ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Dingefinders Lesebuch) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.








Mittwoch, 19. Oktober 2022

Messe für die Dichter - Inspiriert von Yvan Golls Requiem für die Gefallenen Europas

           

Messe für die Dichter (Inspiriert vom Requiem für die Gefallenen Europas von Yvan Goll. 1917)

Sie wurden erschossen, begingen Selbstmord oder starben an Seuchen: Rund 600 Künstler aus ganz Europa kamen im Ersten Weltkrieg um. 

Der erste Weltkrieg lockte zahlreiche Freiwillige an die Front, vor allem Städter und Vertreter gebildeter oder höherer Gesellschaftsschichten.

Gerade die Bewegung des Expressionismus ist dafür bekannt, dass einige Dichter aus diesem Grund das expressionistische Jahrzehnt nicht überlebten.

Alfred Lichtenstein (*1889) war bereits 1913 einjährig Freiwilliger und somit von Anfang an am Weltkrieg beteiligt und starb 1914. Der Hauptmann August Stramm (*1874) hätte die Möglichkeit gehabt, von der Front wieder zurückzukehren, fühlte sich aber seinen Kameraden gegenüber verpflichtet und starb 1915 als Bataillonskommandeur. Auch Ernst Wilhelm Lotz (*1890) war bereits vor dem Weltkrieg Offizier. Er starb 1914 mit eisernem Kreuz im Schützengraben. Georg Trakl (*1887) wurde als Militärapotheker einberufen, erlitt einen Nervenzusammenbruch und beging 1914 Selbstmord. Ernst Stadler (*1883) wurde als Reserveoffizier 1914 von einer Granate getötet. Während die bislang Genannten vor allem als Lyriker berühmt sind, steht Reinhard Sorge (*1892) in der führenden Reihe der Dramatiker des Expressionismus. Seine freiwillige Meldung wurde zunächst nicht angenommen, später dann doch, er starb 1916 auf dem Verbandsplatz.

Aus derselben Generation entstammte Gustav Sack (*1885), den man nicht unbedingt dem Expressionismus zurechnet. Er verweigerte zuerst den Kriegsdienst, wurde aber dann doch eingezogen, um 1916 als Leutnant der Reserve zu fallen. Auch mehr oder weniger dem Expressionismus nahe war Heinrich Lautensack (*1889), der 1917 vom Kriegsdienst entlassen wurde und 1919 in geistiger Umnachtung in einer Nervenheilanstalt starb. Walter Flex (*1887) dokumentierte seine Kriegsbegeisterung in dem einstmals vielgelesenen Roman Der Wanderer zwischen beiden Welten, in dem er seine Zeit mit der Bibel an der Front besingt. Er wurde zwar 1917 von dort abberufen, um an einer Publikation mitzuarbeiten, wünschte aber, in den Kampf zurückzukehren und starb 1917 im Lazarett. Franz Janowitz (*1892) begann auch als einjährig Freiwilliger, um 1917 im Spital sein Ende zu finden.

 Hans Leybold, Johann Peter Baum, Hans Ehrenbaum-Degele, Gerrit Engelke, Walter Ferl, Wilhelm Runge sind weitere Namen, stellvertretend für viele, aus vielen Nationen. Die Auswahl ist sehr subjektiv, ich möchte damit meinem Gedenken an diese Dichter Raum geben. Es ist auch eine Mahnung: Krieg war noch nie eine Lösung.

Musik: Jean Roger-Ducasse - 6 Préludes No. 1. Très nonchalant / Prelude II for Piano

 Hart stoßen sich die Wände in den Straßen ...

Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,
Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.

Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,
Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
Und Wüstengürteln, die voll Sommer sind,
Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.

Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
Es müssten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
In einem wild gekochten Fieberland geboren.
Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.

Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.
Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt.

Aus: Ernst Wilhelm Lotz, Wolkenüberflaggt, Gedichte, in der Reihe Der jüngste Tag, Band 36, Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1917

Ernst Wilhelm Lotz wurde geboren am 6. Februar 1890 in Culm an der Weichsel, Westpreußen; er „fiel“ als Kriegsfreiwilliger am 26. September 1914 bei Bouconville, Frankreich. Er war Lyriker und Übersetzer, unter anderem übersetzte er Gedichte von Arthur Rimbaud und Paul Verlaine.

Musik: Gustav Holst - Ode to Death 1919 verarbeitete Holst seine Einsicht in die Sinnlosigkeit des Krieges in der Ode to Death in Gedenken an Musikerkollegen und Freunde wie den jungen Komponisten Cecil Coles, die auf dem Schlachtfeld umgekommen waren. Er wurde geboren am  21. September 1874 in Cheltenham; gestorben am  25. Mai 1934 in London

In deinem Zimmer

In deinem Zimmer fand ich meine Stätte.
In deinem Zimmer weiß ich, wer ich bin.
Ich liege tagelang in deinem Bette
Und schmiege meinen Körper an dich hin.

Ich fühle Tage wechseln und Kalender
Am Laken, das uns frisch bereitet liegt.
Ich staune manchmal still am Bettgeländer,
Wie himmlisch lachend man die Zeit besiegt.

Bisweilen steigt aus fernen Straßen unten
Ein Ton zu unserm Federwolkenraum,
Den schlingen wir verschlafen in die bunten
Gobelins, gewirkt aus Küssen, Liebe, Traum.

Ernst Wilhelm Lotz

Abschied (II)

Vorm Sterben mache ich noch mein Gedicht.
Still, Kameraden, stört mich nicht.

Wir ziehn zum Krieg. Der Tod ist unser Kitt.
O, heulte mir doch die Geliebte nit.

Was liegt an mir. Ich gehe gerne ein.
Die Mutter weint. Man muß aus Eisen sein.

Die Sonne fällt zum Horizont hinab.
Bald wirft man mich ins milde Massengrab.

Am Himmel brennt das brave Abendrot.
Vielleicht bin ich in dreizehn Tagen tot.

„Der einzige Trost ist: traurig sein. Wenn die Traurigkeit in Verzweiflung ausartet, soll man grotesk werden. Man soll spaßeshalber weiter leben. Soll versuchen, in der Erkenntnis, dass das Dasein aus lauter brutalen, hundsgemeinen Scherzen besteht, Erhebung zu finden.“

Alfred Lichtenstein

Alfred Lichtenstein, geboren am 23. August 1889 in Wilmersdorf bei Berlin; „gefallen“ am 25. September 1914 bei Vermandovillers, Somme, Frankreich), ein Dichter, den auch leider viel zu früh Krieg und Tod holte.

Grodek (1914)

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düster hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.

Doch Stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.

Unter goldenem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.

O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme der Geistes
nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungeborenen Enkel.

Am 3. November 1914 starb der Dichter Georg Trakl. Trakl wurde als Militärapotheker einberufen und begab sich angesichts der Gräuel, welcher er an der Front teilhaftig wurde, in den Freitod. Sein Gedicht „Grodek“ entstand wenige Tage vor seinem Tod. Grodek ist wohl Trakls letztes Gedicht und wurde kurz nach seinem Tod in der Zeitschrift Der Brenner veröffentlicht

Musik: White Noise, The Visitation, LP An Electric Storm 1969

Claude Debussy -  Noël des enfants qui n'ont plus de maison 

Weihnachten für Kinder, die kein Zuhause mehr haben, ein Weihnachtslied , für Gesang und Klavier, komponiert im Dezember 1915 von Claude Debussy, Autor des Textes und der Melodie , und im folgenden Jahr in Paris von Auguste Durand veröffentlicht . Das mitten im  ersten Weltkrieg entstandene Lied ist eine Verurteilung der Besetzung Frankreichs durch Deutschland. Dieses Stück ist das letzte Lied, das er komponieren wird.

„Nous n’avons plus de maisons !
Les ennemis ont tout pris, tout pris, tout pris,
Jusqu’à notre petit lits!
Ils ont brûlé l’école et notre maître aussi,
Ils ont brûlé l’église et monsieur Jésus-Christ,
Et le vieux pauvre qui n’a pas pu s’en aller!
Nous n’avons plus de maisons!
Les ennemis ont tout pris, tout pris, tout pris,
Jusqu’à notre petit lit. »

Sehnsucht

 

Fieber rauscht in meinen Adern,

Glut stürzt Bergstrom zwischen Felsenstein

Nach Deinen Augen tasten meine Hände

Auf Deinen Mund glüht Sonne heiße Spiele

Ich lechze sehr nach Deiner Lippen Tau,

nach schwarzem Glanz aus Deinen fragen Augen,

dem Duft vom Haar und Deiner weißen Hand

Im Wogen Deiner Brüste bin ich süß

 

Stumm wird mir Mund

Die Hand verkrampft

Starr wird mir Blick

Bald

Würgt mich die Schlacht

 

Kurt Striepe

Musik: Der Komponist Heinz Winbeck legte Trakls Gedicht Grodek seiner 3. Sinfonie Grodek (1987/88) zugrunde. Das rund 60-minütige Werk, 1988 uraufgeführt, ist für Altstimme, Sprecher und großes Orchester geschrieben I. Presto isterico, Christel Borchers Orchestra: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin Leitung: Mathias Husmann.

Nun liegt er hingebreitet auf der grünen Erde. Ich streichle Deine blonden Haare. Du junger, junger Mensch, der Du zu Gott Dich aufrankst. Du Gläubiger in Kunst. Schon blühte sie aus Deiner Brust. Weich leg ich meine Hand auf Deine Knabenstirn. Im Himmel aller Kunst wird Deine zarte Blume leuchten. Im Kinderland der Gläubigen wird man sie lieben. Und wenn Du fielst, noch steh ich. Neben Dir. Ein Stern zerspringt. Ich leuchte seinem Glanze.

 

Herwarth Walden: Aus seinem Nachruf auf Kurt Striepe, Der Sturm, 15. Mai 1918

„Ich hatte viel Vertrauen gehabt in das Höhere und das Geistige des Menschen. Da stand ich auf einmal vor der rauhen Wirklichkeit. Nicht Kunst, nicht Liebe, nicht Weisheit, sondern Granaten, Granaten, Granaten.“

Theo van Doesburg, November 1914, Niederländischer Maler (1883  -  1931) Sein Werk wurde von den Nationalsozialisten als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt.

Loretto

Einen Tag lang in Stille untergehen!
Einen Tag lang den Kopf in Blumen kühlen
und die Hände fallen lassen
und träumen: diesen schwarzsamtnen, singenden Traum:
Einen Tag lang nicht töten.

Edlef Köppen  (1893-1939)

Edlef Köppen wurde mehrfach verwundet, unter anderem erlitt er Verätzungen durch Giftgas und eine Lungenquetschung infolge einer Verschüttung, die ihn lebenslang gesundheitlich beeinträchtigte. Im Verlauf des Krieges entwickelte Köppen sich zum überzeugten Pazifisten und weigerte sich schließlich im September 1918 weiterzukämpfen, was seine zwangsweise Internierung in einer psychiatrischen Klinik in Mainz zur Folge hatte.

Musik: „Vor dem Einschlafen“, Rudi Stephan, aus Sieben Lieder für Singstimme und Klavier (1913 / 14) Hinrich Alpers · Rudi Stephan · Tehila Nini Goldstein

Rudolf Stephan, geboren am 29. Juli 1887 in Worms; „gefallen“ am 29. September 1915 bei Tarnopol, Galizien, Österreich-Ungarn), Komponist.

Dem Andenken eines gefallenen Tondichters

Wir hatten musiziert und schwiegen jetzt
Und starrten vor uns hin und lauschten leise
Dem Nachklang der von dir erdachten Weise,
Als hättest du dich still zu uns gesetzt:

Nicht als ein Toter, blutend und zerfetzt,
Nein, wie du warst in unserm Freundeskreise,
Verliebt, verträumt, wie einer auf der Reise,
Den alles wundert und den nichts verletzt.

Wir sahen deine braunen Augen wieder,
Die für das Große dieser Welt gefunkelt,
Und dachten, welch ein Schicksal sie verdunkelt:
Wildfremder Hass riss dich zur Grube nieder.

Wenn er dich je gekannt, der dich erschossen,
Er hätte dich wie wir ins Herz geschlossen.

Herbert Eulenberg, geboren am 25. Januar 1876 in Mülheim am Rhein; gestorben am  4. September 1949 in Düsseldorf-Kaiserswerth), Schriftsteller und kämpferischer Humanist. Dem Anpassungsdruck während der Zeit des Nationalsozialismus widersetzte er sich erfolgreich.

Weltbürgers Wanderlied

Ich habe einen Freund!
Ich habe meinen Freund überall in der Welt!
Ueberall tanzende Schwestern,
Blankstirnene Brüder,
Mit glühendem Salut!

Von Grönland bis Kap Hoorn
Weiss ich meine Familie,
Und das ist ihr Zeichen:
Schlag' ich nur mit einem Worte an,
Rauscht aus rotem Mund
Sprudelnder Geist
Wie göttlicher Quell
Aus Mosis Felsen.

Sag' ich aber ein Wort der Liebe,
Da wölbt sich in lachenden Augen
Ein Doppelhimmel
Und leuchtet mich an!

Wiege und Sarg,
Kleinlicher Nachbarn
Hölzerne Heiligtümer -
Auf dem Ozean, hafenlos,
Erdenlos, himmelfremd,
Lass ich sie schwimmen!
Und doch weiss ich:
Keine Gemeinde
Gönnte mir Irrendem
Sechs Fuss Erde
Zu meiner Gruft!

Aber ich segle mit Purpurwolken
Da und dorten.
Ueberall sind Menschen,
Die meiner warten:
Eine Frau, deren Herz aufstöhnt,
Ein Chef, der meine Arbeit braucht,
Ein Kranker, den ich rette -
Ich bin ein Mensch!
Ein guter, ein schlechter,
Wie man es wolle -
Was sollt' ich nicht aller
Menschen der Welt,
Guter und Schlechter,
Bruder mich heissen?

Iwan Goll, aus: Requiem für die Gefallenen von Europa, Kommissionsverlag von Rascher & Cie, Zürich – Leipzig 1917

Yvan Goll (auch Iwan oder Ivan Goll, eigentlich Isaac Lang; geboren am 29. März 1891 in Saint-Dié, Frankreich; gestorben am  27. Februar 1950 bei Paris) war ein deutsch-französischer Dichter und der Ehemann der deutsch-französischen Schriftstellerin und Journalistin Claire Goll. Als Pazifist vor dem Wehrdienst fliehend, emigrierte er zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 in die Schweiz, wo er in Zürich, Lausanne und Ascona lebte.

Musik: Aleksander Wertyński singt Sergei Yesenin - Pismo k'damie (Letter to a Lady), 1929

Da svidanya drug moj, da svidanya... (Goodbye, my friend, goodbye My love, you are in my heart. It was preordained we should part And be reunited by and by. Goodbye: no handshake to endure. Let's have no sadness — furrowed brow. There's nothing new in dying now Though living is no newer....) -Sergei Aleksandrovich Yesenin.

I Have a Rendezvous with Death von Alan Seeger, gesprochen von Pete Seger

I have a rendezvous with Death
At some disputed barricade,
When Spring comes back with rustling shade
And apple-blossoms fill the air—
I have a rendezvous with Death
When Spring brings back blue days and fair.

It may be he shall take my hand
And lead me into his dark land
And close my eyes and quench my breath—
It may be I shall pass him still.
I have a rendezvous with Death
On some scarred slope of battered hill,
When Spring comes round again this year
And the first meadow-flowers appear.

God knows ’twere better to be deep
Pillowed in silk and scented down,
Where love throbs out in blissful sleep,
Pulse nigh to pulse, and breath to breath,
Where hushed awakenings are dear...
But I’ve a rendezvous with Death
At midnight in some flaming town,
When Spring trips north again this year,
And I to my pledged word am true,
I shall not fail that rendezvous.

Alan Seeger, geboren am 22. Juni 1888 in New York City, USA; “gefallen” am 4. Juli 1916 in Belloy-en-Santerre, Frankreich) war ein US-amerikanischer Dichter. Seegers Gedichte wurden 1917 posthum unter dem Titel Poems veröffentlicht, darunter sein bekanntestes Gedicht I Have a Rendezvous with Death.

Wildgänse rauschen durch die Nacht
Mit schrillem Schrei nach Norden –
Unstäte Fahrt! Habt acht, habt acht!
Die Welt ist voller Morden.

Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt,
Graureisige Geschwader!
Fahlhelle zuckt, und Schlachtruf gellt,
Weit wallt und wogt der Hader.

Rausch’ zu, fahr’ zu, du graues Heer!
Rauscht zu, fahrt zu nach Norden!
Fahrt ihr nach Süden übers Meer –
Was ist aus uns geworden!

Wir sind wie ihr ein graues Heer
Und fahr’n in Kaisers Namen,
Und fahr’n wir ohne Wiederkehr,
Rauscht uns im Herbst ein Amen!

Walter Flex, geboren am 6. Juli 1887 in Eisenach; „gefallen“ als begeisterter Kriegsfreiwilliger am  16. Oktober 1917 bei Pöide (Peude) auf der estnischen Insel Saaremaa (Ösel). Sein wohl bekanntestes Gedicht, vertont zu einem „Volkslied“ geworden, stammt aus seinem Roman „Wanderer zwischen den Welten“.

Zu den im Video verwendeten Bildern:

Es sind Gemälde zu sehen von: Augusto Giacometti, August Macke (Spielende Kinder im Grünen), Umberto Boccioni, Joseph Sattler, Andrea Rausch (Fredelsloh), Federico Armando Beltran, Hans Christiansen, Kuzma Petrov-Vodkin (Fantasia 1925), Odilon Redon (2x), Wenzel Hablik (Crystal Utopias), Isaac Grünewald (In the world of fantasy), Hans Christiansen, Erzsébet Korb, Edvard Munch (Liebespaar am Ufer), Harald Slott-Møller, Heinrich Vogeler (Abschied 1898), Hermann Stenner (Kreuztragung 1913), Alexandre Séon, Hans Baluschek (Krieg 1), (Krieg 2), Umberto Boccioni  (States of Mind Those Who Go 1911), Félix Valloton (Verdun), William Orpen – Zonnebeke, Umberto Boccioni  (The city rises by 1910), Franz Marc (Kämpfende Formen), Stanislaw Wyspiaski (Stas spiacy.1904), Ferdinand du Puigaudeau, John Bauer, Edvard Munch (Der Kuss 1921), Felix Vallotton (Les intimités le mensonge), Deckblatt von Der Sturm zum Tod von Kurt Striepe, Albin Egger-Lienz (Toter Soldat), Albin Egger-Lienz (Finale), (Albin Egger-Lienz Leichenfeld II), Christopher Richard Wynne Nevinson (Paths Of Glory 1917), Klemens Brosch (Schlummernder), Marianne von Werefkin (House with Lantern), Legh Mulhall Kilpin (Gate of the Infinite), Walter Gramatte (Der träumende Knabe - Ziganka), Foto Somme 1916, Foto Luretto 1915, William Orpen, 4 Fotos Loretto 1915, Caspar David Friedrich (Novembersonne) und ein weiteres Gemälde von ihm, Jan Mankes, Arthur Bowen Davies, Mikalojus Konstantinas Čiurlionis, Károly Ferenczy (Orpheus 1894), Pekka Halonen, Hans Thoma (Mondscheingeiger), Eugeniusz Zak (Landscape with a palace 1916), Georges Lacombe (The ages of life 1892), Emile Friant (Gemeinschaft), Emile Friant  (Discussion Politique 1889), Ignaty Nivinsky, Wandbild in Bremen (Foto von mir), Heinrich Lefler, August Macke (Paradies,  Ausschnitt), Plakat in Bremen (Foto von mir)

Zu den Fotos:

Zu Beginn: Ernst Wilhelm Lotz, Alfred Lichtenstein, Georg Tralö, Edlef Köppen, Rudi Stephan, Yvan Goll

Zum Abschluss: Alan Seeger, August Macke mit seiner Frau Elisabeth, Ernst Stadler, Franz Janowitz, George Butterworth, Gerrit Engelke, Hans Leybold, Heinrich Lautensack, Hermann Stenner, Kurd Adler, Reinhard Sorge, Peter Baum, stellvertretend für so viele. . .

Alle Bilder und Fotos sind gemeinfrei mit Ausnahme des Bildes von der Fredelsloher Künstlerin Andrea Rausch, die 2016 verstarb. Die Nutzung erfolgt mit frendlicher Genehmigung der Hedi Kupfer Stiftung als Nachlassverwalterin.

Dingefinders LYRA:  LYRA  ist die Abkürzung für LYrikRAdio und bezieht sich auf die Audiospur. Die Bilder sind für YouTube dazu gekommen. Das Projekt verfolgt keinerlei kommerzielle Zwecke, weder der Blog (Dingeinders Lesebuch) noch der YouTube-Kanal sind monetarisiert. Die Reihe wird fortgesetzt.